„Die Leinwand entscheidet, wann ein Bild vollendet ist“
Wie haben Sie mit dem Malen begonnen? Erinnern Sie sich an den Moment, in dem Sie zum ersten Mal einen Pinsel in die Hand nahmen?

Ich bin in die Kunst hineingeboren worden. Es war mein Glück, als Kind einer Künstlerfamilie aufzuwachsen. Damals ahnte ich nicht, welch unschätzbares Geschenk das war – erst im Laufe der Zeit habe ich das Privileg dieser Herkunft wirklich begriffen.
Hätte doch jedes Kind die Möglichkeit, schon in frühester Jugend mit der Kunst in Berührung zu kommen. Mit meinem Vater haben wir unsere Märchen gemalt. Wir formten kleine Figuren aus Ton, ließen sie miteinander sprechen und singen. Das Malen wurde von klein auf mein Weg, das Leben auszudrücken. Durch die Kunst habe ich das kleine Mädchen in mir niemals verloren. Schließlich wurden Gedichte zu Bildern, und manches Bild wurde wieder zu einem Gedicht – einige wurden sogar vertont.
Wie haben Sie Ihren künstlerischen Stil entwickelt? Welche Phasen haben Sie dabei durchlaufen?
Die Zeichnung – als Grundlage jeder Malerei – ist für jeden Maler der erste Schritt. Weder figurtive noch abstrakte Malerei lässt sich ohne ein fundiertes Fundament in der Zeichnung betreiben. Wie Ingres es formuliert hat: „Die Zeichnung ist die Ehre der Malerei.“ Von dort aus begann ich mit figurtiven Arbeiten. Im Laufe der Zeit drangen farbige Flecken und Abstraktionen in meine Bilder ein. Während die Figur auf der Leinwand zunehmend zurücktrat, gewannen abstrakte Deutungen an Raum. Die Figur, nun deformiert, blieb dennoch – sie unterstützt bis heute meine abstrakten Aussagen als stiller Zeuge.
Welche Künstler haben Sie am meisten beeinflusst? Und warum?
Einflüsse sind in der Kunst nicht nur unvermeidlich – sie sind wertvoll. Von technisch überlegenen Künstlern lernt man ungemein viel, doch das Ziel ist niemals, ihnen ähnlich zu werden. Es gilt, die eigene Freiheit zu wahren und einen unverwechselbaren Stil zu entwickeln. Genau das ist es, was ich anstrebe. Ich beschäftige mich mit allen Künstlern, die in der Kunstgeschichte Spuren hinterlassen haben: Leonardo da Vinci, Michelangelo, Monet, Kandinsky, Klimt, Güngör Taner, Bedri Rahmi Eyuboğlu – sie alle sind durch ihre künstlerische Haltung und ihre meisterhafte Technik für mich wegweisend.
Aus welcher Strömung oder Epoche schöpfen Sie?
Ich beschäftige mich mit jeder Strömung und jedem Werk, das einen hohen plastischen Wert besitzt und den Rang eines Kunstwerkes verdient. Einer bestimmten Epoche oder Schule gehöre ich nicht an.
Wie beginnen Sie ein neues Werk? Woher kommt die Inspiration?
Wenn ich mich innerlich bereit fühle, beginne ich zunächst, die Farben zu erahnen, die ich verwenden möchte. Auch in der abstrakten Malerei gibt es eine Komposition – eine innere Ordnung. Häufig stimmt das, was ich im Kopf trage, nicht mit dem überein, was auf der Leinwand entsteht. Dennoch beginne ich. Den Anfang setze ich – die Weiterentwicklung überlässt sich dem Bild selbst. Ich trage eine Farbe in die Mitte der Leinwand auf, und diese eine Farbe beginnt, sich mit meiner inneren Welt zu verbinden: Sie verwandelt sich wie in einem Zauber in andere Farben, Strukturen, Flecken und Linien – wie ein wilder Sturm, der sich über die Leinwand entlädt.
Die Kompositon, die Beziehungen zwischen kalten und warmen Tönen, die Balance im Bild, die Farbharmonie – und schließlich die wenigen deformierten Figuren, die sich hinzugesellen. Das Bild vollendet sich. Doch wann, das entscheidet nicht der Künstler.
Wie gestalten Sie Ihr Atelier? Haben Sie bestimmte Arbeitrituale?
Mein Atelier ist geordnet und übersichtlich. Meine Materialien – Farben, Pinsel, Leinwände, Hilfsmittel – haben feste Plätze, die sich nicht verändern. Das Wichtigste für mich im Atelier ist das Licht. Bevor ich mit dem Malen beginne, höre ich Musik, die ich liebe, und sammle mich. Die Musik hört nicht auf – bis das Bild fertig ist.
Was sind Ihre bevorzugten Techniken und Materialien? Warum?
Ich male auf Leinwand mit Acrylfarbe. Auf einer gut präparierten Leinwand trage ich die Farben in unterschiedlichen Techniken und Dichten auf – ineinander verwobene Strukturen, Farbschichten, zufällige Muster entstehen mit eigens gemischten Tönen. Gelegentlich greife ich auch zu anderen Materialien. Sich durch Farbe auszudrücken, die innere Welt nach außen zu stürzen – das ist es, was meinen künstlerischen Antrieb immer neu entfacht.
Woran erkennen Sie, dass ein Werk vollendet ist?
Das ist keine leichte Entscheidung. Bilder, die ich für abgeschlossen hielt, haben sich noch Monate später durch einen winzigen Farbpunkt in einer Ecke vervollständigt. Dafür gibt es zwei Gründe: einen technischen und einen emotionalen.

Welche Themen prägen Ihre Arbeiten am stärksten?
Wie in der Natur gibt es auch im Leben viele Farben. In Farben kann man Schwermut, Schmerz, Freude und Glück erkennen. Die Farbveränderungen des Herbstes etwa lösen in den Menschen ähnliche Empfindungen aus. Ich versuche, die dem Menschen zutiefst eigenen Farben als abstrakte Gefühle auf die Leinwand zu bringen. Mein eigentliches Thema ist die emotionale, abstrakte Seite des Menschseins.
Wie wählen Sie Ihre Farbpalette? Was bedeuten Farben für Sie?
Ich setze die Farben der Palette vorrangig in der Spannung zwischen kalten und warmen Tönen ein – denn sie steigern sich in dieser Gegenüberstellung gegenseitig in ihrem Wert. Das Sujet wird dabei selbst zur plastischen Sprache. Sie erreicht den Betrachter unmittelbar. Zusammen mit den Übergangsfarben und der Figur erzeugen sie im Betrachtenden je eigene Empfindungen. Natürlich findet jeder Mensch in diesen Farben und Formen etwas anderes von sich selbst.
Welche Botschaft möchten Sie dem Betrachter vermitteln?
Ich versuche, keine Botschaft zu vermitteln. Wer eine Botschaft empfangen möchte, empfängt ohnehin die, die mit ihm in Berührung tritt.
Bevorzugen Sie das Abstrakte oder das Figurtive? Warum?
Meine jüngeren Arbeiten folgen einem abstrakten Ansatz – doch in diesen abstrakten Räumen finden sich, wenn auch spärlich, noch immer Figuren.
Wie hat die Pandemiezeit Sie als Künstlerin beeinflusst?
Die Pandemie hat mich nicht beeinträchtigt. Im Gegenteil: Da ich das Haus nicht verlassen konnte, habe ich in meinem Atelier intensiver denn je gearbeitet und sehr viel produziert.
Was halten Sie von digitaler Kunst? Steht sie in Konkurrenz zur traditionellen Malerei?
Was in digitaler Technik entsteht, betrachte ich nicht als Kunst. Es sind Modeströmungen. Man bedient sich ihrer – und lässt sie fallen.
Was würden Sie jungen Künstlerinnen und Künstlern raten?
Ich empfehle jungen Künstlern, so viele Museen und Galerien wie möglich zu besuchen. Je mehr Werke man sieht, desto weiter wird der eigene Blick, desto mehr lernt man – auch technisch. Vor allem aber empfehle ich: ohne Unterbrechung zu arbeiten.
Welche Projekte planen Sie für die Zukunft?
Ich plane, an neuen Ausstellungen und Kunstmessen teilzunehmen. Je nachdem, welche Angebote sich ergeben, können daraus neue Projekte entstehen.
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