Mein Lehrer, mein Freund: Fakir Baykurt

„Wäre er nicht gewesen – stünde ich heute überhaupt in der Welt des Schreibens?“

Ausgabe 3Lesezeit 5 Min.3 Aufrufe
Mein Lehrer, mein Freund: Fakir Baykurt

Diese Frage stelle ich mir, sooft Fakir Baykurts Name fällt. Und nicht nur ich – Hunderte von Menschen, deren Weg sich mit Literatur und Kunst gekreuzt hat, werden sich dieselbe Frage gestellt haben.

Ich nahm seine Bücher erneut zur Hand, reihte sie auf und war abermals Zeuge: Zu mehr als hundert Büchern verschiedener Menschen hat er Vorworte geschrieben. Annähernd achtzig Prozent von ihnen stammen aus bäuerlichen Familien oder aus dem kleinen Beamtenmilieu. Würde man all diese Vorworte zusammenstellen, entstiege wohl ein mehrbandiges Werk.

Die erste Begegnung: Bücher und ein neuer Blick auf die Welt

Als Schüler der Mittelschule begegnete ich seinen Büchern: Yilanlarin Öcü (Die Rache der Schlangen), Orhan Kemals Cemile, Yaşar Kemals İnce Memed und die Gedichte Nâzım Hikmets. Ich war mir damals nicht bewusst, doch diese Bücher veränderten meinen Blick auf die Welt von Grund auf.

„Von ihnen habe ich gelernt, das Leben, den Menschen und die Gerechtigkeit mit anderen Augen zu sehen.“

Die von ihm in den deutschen Jahren gegründete Arbeitsgruppe türkischer Schriftsteller bot mir die Möglichkeit, ihn von Nahem kennenzulernen. Mit der Zeit erkannte ich: Er war nicht bloß ein Schriftsteller – er war selbst eine Schule.

In den gemeinsamen Stunden sprach man nicht nur über das Schreiben. Man sprach über das Leben. Über Aufrichtigkeit, Solidarität, das Eintreten für die einfachen Menschen, das Beistehen der Schwachen. Das waren keine Dinge, die sich aus Büchern lernen ließen – sie wurden gelebt. Fakir Hoca lehrte schweigend. Er sprach nicht viel, aber die wenigen Sätze, die er sagte, drangen tief ins Innere.

Die Tage des 12. September und die Kraft der Solidarität

Während des Militärputsches vom 12. September 1980 befand sich Fakir Baykurt in Deutschland – doch seine Gedanken waren in der Türkei. Für die verhafteten Funktionäre von TÖS und TÖB-DER, für Lehrer, Arbeiter und Intellektuelle organisierte er unermüdlich Solidarität. Er schrieb Briefe in die Gefängnisse, verfolgte die Lage der Familien und trug durch Gespräche mit demokratischen Kreisen in Deutschland das Geschehen in der Türkei nach außen.

Als die Nachricht eintraf, dass İlhan Erdost in der Haft nach Folter gestorben war, machte sich Fakir Baykurt trotz Schnee und Sturm auf den Weg zur Familie. Diese Reise war ein stilles, aber beredtes Zeugnis seines Verständnisses von Freundschaft und Verantwortung.

Mein Lehrer, mein Freund: Fakir Baykurt

„Freundschaft war für Fakir Hoca kein Wort – sie war Handlung.“

Als Sadet Karağaç im Gefängnis an Krebs erkrankte, schrieb er den Text „Kara Yara“ („Die schwarze Wunde“). Er zeigte darin, wie er Solidarität in die Tat umzusetzen verstand: Er schilderte die Mutter und ihre Hilflosigkeit, ohne zu dramatisieren – und erinnerte schlicht daran, dass Schweigen keine Wahl sei.

Als die Netaş-Arbeiter während der Militärherrschaft in den Streik traten, freute er sich von Herzen und schickte ihnen umgehend ein Gedicht als Gruß. Einige Zeilen daraus:

„Von Herzen Solidarität mit euch / Arbeiter von Netaş / Meine Brüder mit mutigen Herzen / Ihr habt das Schweigen der Jahre besiegt … / Um eure Kinder zu retten / Für die Freiheit eurer wahren Gewerkschaft, eurer eigenen Partei / Um heute gut zu leben und morgen besser – seid ihr im Streik / Ihr wohnt in den Herzen.“

Freundschaft und die Regungen des Menschseins

İlhan Selçuk, Mustafa Ekmekçi, Abidin Dino, Halit Çelenk, Can Yücel, Mustafa Gazalcı … Fakir Baykurts Freundschaften waren von großer Tiefe. Unvergeßlich bleibt, wie er Can Yücel in einer schweren Nacht in Köln pflegte: Er ließ niemanden an ihn heran, wusch ihn, kleidete ihn an und blieb an seiner Seite.

Was Fakir Baykurt in jener schweren Nacht Can Yücel gegenüber an Fürsorge und Verantwortungsgefühl zeigte, bleibt mir unaulöschlich im Gedächtnis. Es sind keine Dinge, die man aufschreibt – man erlebt sie nur. Genau so ein Mensch war Fakir Hoca.

Als Can Yücel erkrankte, schrieb ihm Fakir Baykurt die Verse:

„Caan, gib mir die Hälfte dieses Krebses! Geht nicht die Hälfte – gib mir alles! Caan, hörst du mich?“

Mein Lehrer, mein Freund: Fakir Baykurt

Diese Zeilen sind ein kraftvoller Ausdruck bedingungsloser Freundschaft.

Auch sein Verhältnis zu Vera Hikmet, der Witwe Nâzım Hikmets, war von besonderer Art. Es kam nicht von ungefähr, dass man ihn bat, bei den Veranstaltungen zum hundertsten Geburtstag Nâzıms die Eröffnungsrede zu halten. Er sprach über Nâzıms Kunst, seinen Kampf und seine Verbundenheit mit dem Volk. Manchen war das ein Ärgernis. Für Fakir Baykurt hingegen war es das Natürlichste der Welt. Vera Hikmets Worte an ihn habe ich nie vergessen:

„Du bist genauso wie Nâzım: Du schaust nie auf das Negative – immer nur auf das Positive.“

Fakir Baykurt als Lehrer

Fakir Baykurt war nicht nur unser Freund – er war unser Lehrer. Er lehrte nicht bloß das Schreiben, sondern das Leben.

„Wer das Kind in sich verloren hat, wird weder Schriftsteller noch Künstler“ pflegte er zu sagen. Er sprach mit Kindern, schöpfte aus ihren Zeichnungen und Sätzen neue Wörter.

Bei unseren Treffen spielte er für die Kinder Saz und sang Türkliche. In Städten wie Herford, Duisburg, Kassel, Bremen, Erfurt, Bottrop und Münster lehrte er uns, Architektur und Kultur mit offenen Augen wahrzunehmen. Seinen Stift stellte er nie in den Dienst der Mächtigen. Dass er nach dem Tod Metin Göktepes zu schreiben begann – für die Zeitung Evrensel –, ist der Beweis dafür:

„Wann war ich jemals auf der Seite der Starken? Ich stehe ständig auf der Seite der Schwachen, der Leidenden.“

Mein Lehrer, mein Freund: Fakir Baykurt

Anstelle eines letzten Wortes

Fakir Baykurt stand sein ganzes siebzigjähriges Leben lang auf der Seite der Arbeit, des einfachen Volkes und der Gerechtigkeit. Er wurde bedroht, ins Exil getrieben, man versuchte, ihn zum Schweigen zu bringen – doch er beugte sich nicht. Bis zum letzten Atemzug trug er die Würde dessen, der „Schriftsteller der Völker“ zu sein bedeutet.

Für mich war Fakir Baykurt:

– nicht nur ein großer Schriftsteller,

– ein Freund, der lehrte, an der Seite anderer zu stehen,

– ein Lehrer, der lehrte, nicht zu schweigen,

– ein Mensch, der Solidarität durch gelebtes Vorbild vermittelte.

Dieser Text ist ein kleines, aber aufrichtiges Zeugnis all dessen, was ich mit ihm erlebt habe.

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