Barfuß

Während Selma Hilfsgüter für die Erdbebenopfer von 2023 packt, hält sie ein Paar Kinderstiefel in den Händen – und steht plötzlich wieder barfuß im Schlamm der Zeltstadt von Gölcük, dreizehn Jahre alt.

Ausgabe 3Lesezeit 8 Min.3 Aufrufe
Barfuß

„Die Lastwagen müssen heute noch los. Wie weit sind wir?“, frage ich Herrn Mecit. „Die Zweiunddreißiger sind fertig. Die Dreiunddreißiger sind auch kontrolliert und verladen, Frau Selma. Für Adıyaman sind alle Größen gepackt, für Mädchen wie für Jungen, Gott sei Dank“, sagt er. Sein Blick springt zwischen den Kartons und der Liste in seiner Hand hin und her, sein Gesicht glüht vor Erschöpfung. „Und die Kartons für den Lastwagen nach Malatya – fehlt da noch etwas?“, frage ich. „Keine Sorge, alles vollständig. Jetzt lasse ich die Kartons für Maraş noch einmal durchzählen.“ „Danke für Ihre Mühe, Herr Mecit“, sage ich, lehne mich an die kalte Betonwand der riesigen Halle, die man uns für die Hilfsaktion überlassen hat, und wende mich dem Team zu, das fieberhaft arbeitet. „Leute, ich bitte euch! Wir prüfen jeden einzelnen Lastwagen. Wenn es sein muss, bleiben wir bis morgen früh, aber diese Lastwagen fahren vollständig los!“

Ein Paar Stiefel geht mir durch die Hände. Mit weißen Streifen an den Rändern. Unisex. Wer sie tragen wird, ist ungewiss, gewiss aber ist, dass sie Balsam für eine Wunde sein werden. Als ich sie in den Karton lege, stecke ich meine Gebete mit hinein. Hoffentlich hat das Kleine, das sie tragen wird, niemanden verloren. „Ihr werdet wieder ein Zuhause haben. Ich habe es selbst erlebt, ich weiß es. Ihr werdet in eure Schule zurückkehren und eure Zukunft neu aufbauen. Eines Tages werdet ihr auf eigenen Füßen stehen und vielleicht, genau wie die, die euch heute die Hand reichen, selbst anderen die Hand halten.“ Doch ich weiß auch: Wenn jemand fehlt, bleiben diese Füße für immer im Frost. Damit sie nicht zu sehr frieren, lege ich in jedes Paket noch ein paar Paar Socken. Ob meine Herzchenaufkleber ihre Herzen wärmen, weiß ich nicht, aber ich möchte ihnen allen sagen: „Ihr seid nicht allein. Schämt euch nicht.“

Plötzlich weht ein kalter Wind, er erfasst mich von den Zehen bis hinauf zu meinem geblümten Halstuch und hüllt mich ganz ein. Ich gehe zurück in die Vergangenheit. Meine Schlappen versinken im Morast. Ich ziehe sie heraus. Sie versinken wieder. Der Schlamm klebt überall an mir; bis ich die Zeltschule erreiche, ist er getrocknet und hat Landkarten auf meine Füße gezeichnet. In der Pause renne ich zur Wasserstelle. Mit stahlkaltem Wasser versuche ich, mir den Schlamm von den Füßen zu waschen. Je mehr ich mich abmühe, desto mehr färbt sich alles an mir erdbraun. Als verschwommene Silhouette kehre ich in den Unterricht zurück.

Wir haben Türkisch. Mein Lieblingsfach. Wen kümmert schon, was wir gerade durchnehmen? An der Tafel steht Herr Raşit. Er unterrichtet freiwillig in der Zeltschule, die man aufgebaut hat, damit wir mit dem Lernen nicht in Rückstand geraten. Eigentlich ist er selbst noch Student. Er erklärt die Possessivendungen. Alle Mädchen in der Klasse hängen hingerissen an seinen Lippen. Mit dem Läuten zerfließen die rosa Wolken über unseren Köpfen. In der Pause trinkt Herr Raşit mit einer Gruppe junger Leute wie ihm Tee. Ich bin noch immer damit beschäftigt, den Schlamm loszuwerden, der mir bis unter die Fingernägel gedrungen ist. Aus dem Akku-Radio am Zelteingang weht ein trauriges Lied an mein Ohr: „Im Regen, im Schlamm der Armenviertel schlugen warme Herzen. In barfüßigen Kindern lag eine reine Zukunft …“ Ich höre es mit der Qual eines Menschen, dem man Salz in die Wunde streut, und die Worte gehen mir durch Mark und Bein. Mit meinem dreizehnjährigen, zarten und doch so müden Herzen begreife ich, dass es in dieser Zeltstadt keine Erlösung gibt, weder vom Schmerz noch vom Schlamm.

Nach dem Unterricht mache ich mich auf den Weg zum Zelt. Mama hält Wache über uns, weil sie dem Klettverschluss, der uns als Tür dient, nicht traut. Sie muss Papa wohl ganz und gar beurlaubt haben, denn seit Tagen lässt er sich hier nicht blicken. Vielleicht ist er arbeiten gegangen, damit wir uns ein neues Haus kaufen können. Warum sonst sollte er uns in dieser Lage allein lassen?

Kaum hat die Sonne sich von uns zurückgezogen, schlafen wir ein. Nachts wache ich wieder zur selben Zeit auf. 3:02 Uhr. Gleich mache ich mir in die Hose. Ich wecke Mama. Bis zur Toilette muss man weiß Gott wie viele Meter laufen, und Mama ist der Weg zu weit. „Leg dich hin und schlaf, das geht vorbei“, sagt sie mit überdrüssiger Stimme. Ich versuche es. Es geht nicht vorbei. „Dann mach in den Eimer“, sagt sie verärgert. Ich mag es überhaupt nicht, in diesen Eimer zu machen. Aber was soll ich tun, platzen? Ich tue, was sie sagt. Mir bleibt nichts anderes übrig.

Am Morgen öffnen sich die Klettverschlüsse einer nach dem anderen. Die Oktoberkühle füllt unser Zelt. Mama schläft noch. Sie muss gerade erst mit der Sonne die Wache getauscht haben. Papas Urlaub dauert offenbar an. Wir Geschwister schnappen uns unsere Schüsseln und rennen zur Essensschlange. „Da ist Alaun drin, daher der schwere Geruch“, sagen manche, aber ich traue mich nicht zu fragen, was Alaun ist. Zu den Schüsseln, in denen mehr Brühe als Einlage schwimmt, schnappen wir uns noch zwei Scheiben Brot zum Eintunken und machen uns auf den Rückweg.

Ich achte auf den Weg, um nichts zu verschütten. Ich schaue ja immer auf den Weg. Da steht plötzlich Herr Raşit vor mir. Ich spüre, wie ich rot werde. Ohne aufzublicken, gehe ich weiter. Vor manchen Zelten hat man aus Joghurteimern Blumentöpfe gemacht und sie mit allerlei Margeriten geschmückt. Warum sieht unser Zelt nicht so aus? Ich frage Mama. „Ich mag keine Blumen“, sagt sie. „Soll doch euer Vater daran riechen, der Teufel soll ihn holen.“ Dabei kullern ihr dicke Tränen über die Wangen. Mama tilgt alle Farben aus ihrem Leben und hasst Blumen.

Nach dem Frühstück schlüpfe ich in meine dunkelblauen Schlappen, die ich am Abend zuvor blitzblank gewaschen habe, und verlasse das Zelt. Mit meiner Cousine Elif treffe ich mich am Zaun, und wir gehen zusammen zur Schule. Unsere Mütter haben uns früher gern gleich angezogen – bevor wir beim Erdbeben alles verloren haben. Jetzt ist die ganze Zeltstadt gleich angezogen, mit Kleidern aus den Hilfstransporten.

Am Eingang unserer Zeltschule läutet ein Schüler eine Handglocke, wie Adile Naşit sie in den alten Schulfilmen schwang. Wir haben Englisch. Obwohl wir seit Wochen die Vergangenheitsform durchnehmen, kann ich mir die zweite Form der Verben einfach nicht merken. Wann ist Vergangenes eigentlich wirklich vergangen? Ist ein Erdbeben zum Beispiel etwas, das geschehen und vorbei ist, dessen Wirkung aber andauert? Während ich darüber nachdenke, betreten zwei fremde Erwachsene das Klassenzimmer. Sie lassen den Blick über uns wandern und reden leise miteinander. Sie bücken sich und betrachten unsere Füße. Sie machen sich Notizen in ein Heft. Was ist los? Wer sind die? Was wollen sie von uns? Sie stellen fest, was uns fehlt und was wir brauchen, heißt es. Hier fehlt doch jedem etwas. Wie wollen sie ersetzen, was uns fehlt und was man nicht sehen kann?

Herr Raşit kommt mit einem großen Paket auf Elif und mich zu. Er lächelt: „Mädchen, kommt mal her. Ich habe eine Überraschung für euch.“ Aufgeregt öffnen wir die Pakete, und in jedem liegt ein Paar schwarzer Stiefel. Mit weißen Streifen an den Rändern. Unisex. Von der Sorte, die jedem passt, der sie anzieht. „Für wen sind die?“, frage ich. „Die habe ich euch mitgebracht“, sagt er, und wie zufrieden er dabei aussieht. Elif und ich sehen einander an. Auch sie weiß nicht, was sie sagen soll. Ich blicke auf meine nackten Füße, rissig von Staub und Erde, und verziehe den Mund. Ich lege den Stiefel auf das Paket. „Wir brauchen die doch nicht, Herr Lehrer. Geben Sie sie jemand anderem. Wir tragen die dunkelblauen Schlappen, weil wir sie mögen“, sage ich und renne zum Zelt.

Papa ist wieder nicht da. Warum ist er nicht hier? Warum hat er sich von Mama beurlauben lassen und ist gegangen, während wir all das durchmachen? Am liebsten würde ich im Erdboden versinken und niemanden mehr sehen. Ich vergrabe den Kopf unter der Bettdecke und fange an zu weinen. Der Frost beißt mir in die Zehen. Kurz darauf höre ich die Stimme von Herrn Raşit. Er hat den Kopf ins Zelt gesteckt und ruft nach mir. „Schäm dich doch nicht! Was gibt es da zu schämen? Ich dachte, ihr würdet euch freuen …“ Ich drücke das Gesicht ins Kissen. „Ich will sie nicht“, schreie ich, „gehen Sie weg!“

„Frau Selma, ist alles in Ordnung?“ Herr Mecit sieht mich besorgt an. Ich wische mir die Tränen aus den Augen. „Alles gut“, sage ich. „Wenn Sie zustimmen, schicken wir die Lastwagen los.“ „Ich komme sofort. Ich muss nur noch eine Kleinigkeit erledigen“, sage ich. Ich lege die Stiefel auf meinen Schreibtisch und nehme das Telefon zur Hand. In den sozialen Medien suche ich nach meinem Lehrer Raşit. Es ist nicht schwer: Ich finde ihn in seiner Heimatstadt Manisa, als Türkischlehrer. Ich hauche in meine eiskalte Hand und beginne zu schreiben. „Mein lieber Lehrer! Ich schulde Ihnen einen Dank, der vierundzwanzig Jahre zu spät kommt.“ Meine Finger kommen kaum hinterher, so schnell strömen mir die Worte aus dem Kopf. Ich bin wieder die dreizehnjährige Selma und ziehe die schwarzen Stiefel an. „Eine barfüßige Schülerin von Ihnen aus der Zeltstadt in Gölcük.“

Ich drücke auf Senden. Zum ersten Mal seit Jahren werden meine Zehen warm.

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