Hast du eigentlich schon einmal Kreuzstich gestickt?

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Hast du eigentlich schon einmal Kreuzstich gestickt?

„Hast du eigentlich schon einmal Kreuzstich gestickt?“, fragte die Frau den Mann.

„Nöö“, erwiderte der Mann gleichgültig. „Bin ich etwa eine Frau, dass ich Handarbeiten machen sollte!“

Die Frau schwieg.

Sie konnte es ihm nicht erklären. Das wusste sie.

Wie hätte sie ihm auch den Wert all der Mühe erklären sollen, die in jedem einzelnen Stich, in jedem Knoten steckte?

Wie hätte sie diesem Mann von jener Liebe erzählen sollen, die sich, ganz wie in einer Beziehung, an den Faden der Zuneigung klammerte, durch die Nadel der Aufopferung gegangen war und Stich für Stich auf das Stickgewebe der Treue gestickt wurde?

Und warum sollte so etwas nur Frauen vorbehalten sein?

Dieser Mann wusste ja nicht einmal, welche Freude es bereiten konnte, nicht bloß zu verbrauchen, sondern auch etwas zu erschaffen und gerade darin da zu sein.

War es mit der Zuneigung nicht ebenso?

Wie ein Samenkorn, dessen Schale tief unter der Erde gerade erst aufgebrochen war, das sich seinen Weg ans Tageslicht bahnte, um schließlich Äste und Zweige zu treiben, so wuchs auch die Liebe aus dem Nichts, genährt von einem Vertrauen, das mit jedem Tag stärker werden sollte.

Wie hätte sie diesem Mann erklären sollen, dass jenes Gefühl, das man Liebe nannte, weit mehr war als eine zu lebenslanger Haft im Gefängnis des Fleisches verurteilte Klage? Dass die Liebe im Duft des Stickgewebes lag, in der Farbe eines Fadens, im Spinnennetz vor der Haustür, im Augenwinkel, dort, wo man sie selbst dann noch sehen konnte, wenn man gar nicht hinsah?

Die Frau schwieg.

Sie dachte an den Gebetsteppich, den Kissenbezug, die Tischdecke, die sie bestickt hatte. An all die Tränen, die eines Tages während unzähliger Niederwerfungen im Gebet darauf fallen würden, an all die schmerzenden Köpfe, denen ihre Arbeit in so mancher Nacht Gesellschaft leisten könnte, an all die Mahlzeiten, die auf dieser Tischdecke aufgetragen und wieder abgeräumt würden. Sie dachte daran, ob sich wohl irgendwann jemand daran erinnern würde, wessen Hände all diese Stickereien geschaffen hatten.

Und sie schwieg, voller Sehnsucht, beinahe neidisch auf all das, was ihre Werke eines Tages erleben durften.

Wie hätte sie es ihm erklären sollen?

Wenn dieser Mann nun nach jener Tischdecke greifen würde, die sie mit der Mühe ihrer Hände und dem Licht ihrer Augen gestickt hatte, so behutsam, dass sie sich kaum traute, sie zu berühren, wenn er sie grob an sich reißen und mitsamt allem, was darauf stand, zu Boden schleudern würde …

Würde dann auch das Rosenblatt zerbrechen, das sie hineingestickt hatte, wenn es auf dem Boden aufschlug?

Wie hätte sie es ihm erklären sollen?

Wer weiß, wie viele Rosenblätter bis zu diesem Tag in wie vielen Frauenherzen zerbrochen waren.

Als hätte die Nadel, die sich dem Muster folgend in unzähligen Windungen ihren Weg bahnte, einen heimlichen Groll gegen die Hand, die sie führte …

Wenn man bedachte, dass ausgerechnet sie es war, die so sehr schmerzen und zugleich all diesen wunderschönen Stickereien Leben einhauchen konnte …

Dann war es nur eine Frage des Augenblicks, bis ein Mann für eine Frau oder eine Frau für einen Mann sowohl zur Nadel als auch zum Mittelpunkt des anderen werden konnte.

„Und welcher von beiden wirst du sein, du Mann?“, hätte sie ihn am liebsten gefragt.

Wirst du derjenige sein, der mit seinen Händen Stich für Stich seine Liebe in mein Herz stickt? Oder wirst du derjenige sein, der mich, jener Nadel gleich, die mir eben noch in die Hand gestochen hat und mich erschrecken ließ, weil ich fürchtete, mein Blut könnte auf die schwierigste Stelle meines Stickmusters tropfen. Gefühlen überlässt, für die ich nicht einmal einen Namen finde?

Eine Beziehung war eben wie dieses Stickgewebe.

Wehe, man machte einen Fehler!

Entweder wurde der Stoff beim Zurückgehen mit der Nadel beschädigt, oder dort, wo man die Stiche auftrennte, blieb eine Spur zurück.

Eine Spur blieb im Faden, eine Spur in der Nadel, eine Spur in der Schere, die den Faden durchschnitt.

Eine Spur blieb in dir, eine Spur in mir, in der Mutter, in der Schwester, im Kind.

Wie hätte sie ihm erklären sollen, was es bedeutete, wenn der Faden ausgerechnet in jenem Augenblick zu Ende ging, in dem sich ein Stich voller Vorfreude mit dem nächsten verbinden wollte?

Ausgerechnet jetzt.

Hast du eigentlich schon einmal Kreuzstich gestickt?

Wo ist die Schere? Wo ist die Nadel? Wo ist meine Brille?

Und alles wieder von vorn …

Wie man den Faden erneut durch das Nadelöhr zog, so fing man jedes Mal von vorn an, wenn etwas riss, zerbrach, sich erschöpfte.

Wieder und wieder …

Machten all diese Neuanfänge nicht müde?

Würde dieser Gebetsteppich jemals fertig werden? Dieser Kissenbezug? Oder jene halbfertige Tischdecke, die dort auf dem Boden lag?

Wie hätte sie ihm erklären sollen, dass sie mit jedem Faden, der durch ein Nadelöhr glitt, auch all den unnötigen Aufregungen, die diese immer neuen Anfänge ins Leben brachten, und all den Hoffnungen, die nach Zimt dufteten, mit derselben Sehnsucht entgegenblickte wie dem nächsten Stich?

Und doch musste allein, dass es Muster gab, die noch nie gestickt worden waren, denjenigen Hoffnung schenken, die ihre Liebe in die Arbeit ihrer Hände einfließen ließen.

In diesem kurzen Leben, das keine Probestücke erlaubte, hatte man nicht den Luxus, sich von der Unschuld eines Stickgewebes täuschen zu lassen, das noch nicht wusste, welche Farben jene Muster haben würden, die niemals gestickt werden sollten.

Deshalb musste man gut überlegen, bevor man begann, Stich für Stich eine Beziehung zu sticken.

Stich für Stich die Liebe!

Stich für Stich das Leben!

Dieser Mann hatte eben noch nie Kreuzstich gestickt.

Woher sollte er es auch wissen?

Vielleicht waren die Stickmuster nichts anderes als die Schreie all jener Frauen, die geschwiegen hatten.

Vielleicht waren sie in den Aussteuertruhen unzähliger Frauen, zwischen dem Geruch der Mottenkugeln, für immer verstummt, während sie darauf warteten, eines Tages Flecken zu bekommen.

Sollte sie vielleicht doch nicht schweigen?

„Vielleicht wird uns gerade diese Tischdecke eines Tages an ein und demselben Tisch zusammenbringen“, dachte sie bei sich.

Mit jedem neuen Muster, das unter ihren Händen Gestalt annahm, fühlte sie sich, das Stickgewebe in der Hand, wie ein siegreicher Feldherr.

Ja, natürlich.

So war es doch.

Diese Hände, die all diesen Stickereien Gestalt und Leben verliehen, konnten gewiss auch wunderschöne Tafeln decken.

„Und diese Tischdecke …“, dachte die Frau wehmütig.

„Ist das Essen fertig?“, fragte der Mann.

Das Essen?

Ach ja, natürlich war es fertig.

Wie hätte es anders sein können?

Die Frau schwieg.

Dieser Mann hat noch nie Kreuzstich gestickt.

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