Das in die Haut geritzte Gedächtnis

Die Tätowierung ist die Kunst, einen körperverträglichen Farbstoff so unter die Oberfläche der Haut einzuarbeiten, dass die Muster ein Leben lang nicht mehr verschwinden.

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Das in die Haut geritzte Gedächtnis

In verschiedenen Sprachen trägt diese uralte Tradition verschiedene Namen; man spricht von Deq, Daq, Wesm, Dövün, Daki oder Daqi. Ihre Spuren finden sich nicht nur auf dem menschlichen Körper, sondern auch an Höhlenwänden, an alten Bauwerken, ja selbst auf Grabsteinen. Die Tätowierung trägt die tiefen Spuren von Glaubenswelten wie dem Schamanismus, dem Paganismus, dem Animismus, der Religion der Sabäer, dem Taoismus, dem Buddhismus, dem Manichäismus und dem Zoroastrismus in sich. Jedes Motiv, jedes Symbol erzählt im Grunde eine Geschichte; es erzählt von den geheimnisvollen, mystischen und mythologischen Werten der Vergangenheit.

Die Tätowierung war eine Stickerei, die der Haut für ein Leben eingeschrieben wurde.

Die Tätowierung ist die Kunst, einen körperverträglichen Farbstoff so unter die Oberfläche der Haut einzuarbeiten, dass die Muster ein Leben lang nicht mehr verschwinden. Ausgeübt wurde dieses Handwerk von wandernden Meistern, die in der Gegend Karaçi genannt wurden und den Roma entstammten. Einer Volkserzählung zufolge rührte ihr Name daher, dass sie aus der Gegend von Karatschi auf dem indischen Subkontinent stammten; diese Menschen, die nie sesshaft wurden, zogen von Dorf zu Dorf und tätowierten die Landbevölkerung gegen Lebensmittel und wertvollen Schmuck. Mit der Zeit lernten jene, die der Arbeit zusahen, das Handwerk und begannen, es selbst auszuüben; die in den Dörfern und Städten ohnehin ausgegrenzten Karaçi verloren so auch ihre Lebensgrundlage. Einem Karaçi, der von Dorf zu Dorf zieht, zu begegnen, ist heute nahezu unmöglich. Das traditionelle Deq hat seinen Platz den abwaschbaren Klebetattoos und den modernen Tätowierungen überlassen, die professionelle Künstler in Studios stechen.

In der Farbe steckten Milch, Galle und Ruß.

Das Tätowieren selbst war eine regelrechte Zeremonie. Zunächst wurde die Farbe zubereitet; ihren Grundstoff bildeten die Milch einer Frau, die kurz zuvor ein Mädchen zur Welt gebracht hatte, dazu Tiergalle, Lampenruß und allerlei Zusätze. Wo immer die Tätowierung auf den Körper kommen sollte, wurde die Form zunächst mit einem dünnen Hölzchen vorgezeichnet. Dann wurde die Zeichnung mit drei, fünf, sieben oder neun Nadeln stundenlang durchstochen, sodass die Farbe nach allen Seiten unter die Haut drang. Die gestochene Stelle verschorfte eine Woche lang; war der Schorf verheilt und abgefallen, trat die Form zutage, die wir Deq nennen.

Beim Tätowieren empfand man einen Schmerz, der sich nicht beschreiben lässt; doch es war ein Schmerz, der Genuss barg. Der erlittene Schmerz verlieh dem Körper hernach Schönheit und lud ihn mit neuen Bedeutungen auf. Wer sich das Bild seiner Träume in den eigenen Leib sticken ließ, trug fortan das Glück, die Anmut und den Adel dieses Musters.

Die blaue Tätowierung war das Zeichen der Schönheit und der Abstammung.

Besonders die dauerhaften blauen Tätowierungen Ost- und Südostanatoliens galten als Zeichen der Schönheit, des Adels, ja der Zugehörigkeit zur Stammeslinie. Noch vor fünfzig Jahren schickte in Urfa ein Mann, der sich verlobte, seiner Verlobten das Tätowiergeld und bat sie, sich Tätowierungen anfertigen zu lassen.

Weder wer tätowierte noch wer sich tätowieren ließ, wurde dem Zufall überlassen.

An die Person, die tätowieren sollte, wurden bestimmte Anforderungen gestellt: Sie durfte nicht geschieden sein, musste gesund sein und durfte weder ein totes Kind geboren noch ein Kind verloren haben. Denn man glaubte, das böse Schicksal des Tätowierenden gehe durch die Tätowierung auf den Tätowierten über. Wer sich tätowieren ließ, wählte seinerseits vorzugsweise jemanden, der in diesem Handwerk erfahren war und viele Tätowierungen vorweisen konnte. Der tätowierende Mann hieß Dekkak, die Frau Dekkabe; der tätowierte Mann wurde Medkuk genannt, die tätowierte Frau Medkuke.

Das in die Haut geritzte Gedächtnis

Die Tätowierung der Frau sprach eine andere Sprache als die des Mannes.

Die Tätowierungen von Frauen und Männern unterschieden sich voneinander. Bei der Frau galt die Tätowierung als Sinnbild der Anmut und Schönheit, beim Mann als Sinnbild der Kraft und Macht; sie wurde auch an unterschiedlichen Stellen des Körpers angebracht. Frauen ließen sich meist zwischen den Augenbrauen tätowieren, auf Wange und Nasenrücken, auf dem Kinn und an der Kehle, in der Linie vom Unterkiefer hinab zu den Brüsten, auf Bauch, Hüfte und Rücken, auf den Zehen und in dem Bereich, der vom Fußknöchel bis zum Knie reicht. Bei Männern finden sich Tätowierungen vor allem an den Schläfen, auf der Stirnmitte, auf der Nase, auf den Handrücken, an den Handgelenken und Armen; häufig begegnet man in arabischen Buchstaben geschriebenen Namen und Sprüchen sowie Figuren wie Löwe, Schlange und Mond. Die Tätowierung an den Schläfen besteht zumeist aus drei Punkten.

Hinter der Tätowierung am Unterkiefer, die sich bei den meisten Frauen findet, steht eine eindrückliche Erzählung. Der Überlieferung nach färbten sich die Frauen, nachdem ein Mann einer Sklavin in die Lippe gebissen hatte, aus Solidarität mit ihr die Unterlippen blau; mit der Zeit wurde aus dieser Geste eine Tradition. Trifft diese Erzählung zu, so ließe sich die Unterkiefertätowierung sogar als eine der ersten Handlungen weiblicher Solidarität in der Geschichte bezeichnen.

Jedes Motiv war eine Chiffre, jedes Muster ein Wunsch.

Der Beweggrund, sich tätowieren zu lassen, war von Mensch zu Mensch verschieden. Die einen suchten Schutz vor Zauber und bösen Blicken, die anderen wollten einen verlorenen geliebten Menschen auf dem eigenen Körper verewigen; manche trugen das Zeichen ihres Stammes, andere ließen sich ein mythologisches oder religiöses Ornament einstechen. Manche taten es allein der Schönheit wegen, wieder andere wollten eine Tätowierung, die sie im Dorf oder bei der Nachbarin gesehen hatten, am eigenen Leib tragen. Die meisten machten mit der Tätowierung Bekanntschaft, noch ehe sie die Pubertät erreicht hatten, oder in den ersten Jahren ihrer Jugend.

Jedes in den Körper geritzte Motiv, jede Figur steckt voller symbolischer Chiffren. Den Forschern zufolge gehen all diese Formen letztlich auf die Verehrung der Muttergöttin zurück; sie versinnbildlichen die Fruchtbarkeit der Mutter als Quelle des Lebens, die Zeugung und den Segen, die Entwicklungsstufen des Embryos, schließlich Leben und Tod. Die Bedeutungen einiger häufiger Motive:

Mondmotiv: Es versinnbildlicht die Quelle des Lebens und den Wunsch nach ewigem Leben.

Sonnenmotiv: Weit verbreitet ist die Vorstellung, die mit neun Punkten auf die rechte Schläfe der Männer gestochene Sonnenscheibe mache ihren Träger besonnen, klug und scharfsinnig. Da die Sonne im Zoroastrismus und bei den Jesiden, wo man sich beim Gebet der Sonne zuwendet, als heilig gilt, findet sich auf der Stirn jesidischer Frauen sehr häufig eine Tätowierung, die die halbe Sonne darstellt.

Gazellenmotiv: Eines der eigensten Muster der Frau; es beginnt unter dem Kinn, setzt sich am Hals fort und nimmt auf den beiden Brüsten Gestalt an. Es trägt die Bedeutung, dass die Frau sich mit einer Gazelle vergleicht.

Das in die Haut geritzte Gedächtnis

Motiv des Lebensbaums: Dieses Motiv, das bei Frauen vom Hals zur Brust hinabreicht, entstammt dem Glauben an die Muttergöttin; es versinnbildlicht Fruchtbarkeit, Leben und Tod zugleich.

Kamm-, Spiegel- und Scherenmotive: Diese Formen, die auf den Handrücken, an den Fußknöcheln und auf den Zehen zu sehen sind, tragen den Wunsch nach der Öffnung des Schicksals, nach Glück in der Liebe.

Ringmotiv: Die um die Fußknöchel gestochenen Ringe nehmen unter den Mustern einen wichtigen Platz ein; Tätowierungen, die das Gelenk umschließen, bedeuten Treue und Verbundenheit.

Kreuzmotiv: Obwohl es als Symbol des Christentums bekannt ist, reicht die Geschichte dieses Motivs viel weiter zurück. Man glaubt, es weise die glückverheißende Richtung und mache die Wirkung böser Blicke zunichte. Der Kreis, den ein nach innen gerichteter Pfeil durchbohrt, gilt als Zeichen der Befruchtung und versinnbildlicht Fruchtbarkeit und Segen.

V-Motiv: Dem auf den Bauch gestochenen V oder V-förmigen Kreuz schrieb man die Kraft zu, Kopfschmerzen abzuwehren.

Die Geschichte der Völker ohne Schrift war auf die Körper geschrieben.

Diese in den menschlichen Leib gestochenen Muster sind gewissermaßen heilige Texte. Wie ein Denkmal, wie eine Inschrift tragen sie die Vergangenheit in die Gegenwart. In Mesopotamien, wo verschiedene ethnische Identitäten ineinander verwoben leben, besitzt das Deq für Völker, die unter dem Druck der Verhältnisse keine schriftliche Geschichte hinterlassen konnten, den Rang eines in den Körper geschriebenen Dokuments. Auch der Ursprung der Tradition ist im Grunde religiöser Natur; man glaubt, die Tätowierung schütze vor dem Bösen. Die am häufigsten gestochenen Figuren sind Sonne, Mond und Stern, und unter ihnen wiederum am häufigsten die Sonne. So wie Geschichte, Sitte, Brauch und Literatur dank der mündlichen Überlieferung in der Stimme der Dengbêj und der Volkskünstler bis heute fortleben, so hat auch das religiöse und spirituelle Leben in den Deqs, die den Körpern eingeschrieben wurden, unsere Gegenwart erreicht.

Was aber fand der Mensch in diesen Tätowierungen? Wie konnte eine Tradition, die von allen drei großen Religionen missbilligt wurde, sich über Jahrhunderte behaupten? Im islamischen Glauben sind Vorstellungen verbreitet, wonach der Tätowierte nicht durch das Tor des Paradieses gehen könne, die Tätowierungen im Jenseits mit der Zange herausgerissen würden, ja für jeden Nadelstich ein Nagel eingeschlagen werde. Ein nicht geringer Teil der Frauen, die ich fotografierte, sagte mir, sie bereuten ihre Tätowierungen wegen des Geredes, sie seien Sünde und die rituelle Waschung werde nicht angenommen. Ein großer Teil aber erklärte, nichts zu bereuen; manche erzählten, sie liebten ihre Tätowierung sehr, hätten sie aus freiem Willen anfertigen lassen, und sie sei ein Weg der Schönheit und der Verführung des Mannes.

Die Bedeutungslandschaft der Tätowierung ist heute vom Verschwinden bedroht. Diese geheimnisvolle Tradition erlebt mit ihren letzten Trägerinnen und Trägern ihre letzten Tage. Wenn wir morgen in diese Gesichter, auf diese Hände, auf diese Körper blicken, werden die Zeilen, die wir dort lesen könnten, vielleicht nicht mehr da sein; bleiben werden allein die Fotografien und die Geschichten, die diese Fotografien erzählen.

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