Mesut Gedik
Die Seiten der Geschichte verzeichnen manchmal große Feldherren, manchmal Staatsmänner – doch das Herzensbuch des Volkes hält nur jene fest, die zum Dolmetscher seines Schmerzes wurden. Ozan Yusuf Polatoğlu ist die kraftvollste Stimme jener stillen, jener wehmütigen und jener würdevollen Geschichte von Millionen anatolischer Menschen, die nach Europa verschlagen wurden. Er ist nicht nur ein Dichter oder Barde – er ist ein Architekt der Herzen, der jene kalte Geographie namens Fremde mit der Wärme der türkischen Sprache erfüllte.
Jahr 1972
Die Geschichte beginnt 1956 im beherzten Schoß Erzurums, doch die eigentliche Schicksalslinie wird 1972 gezogen. Jene Jahre, in denen die Mauern des Sirkeci-Bahnhofs nach Abschied rochen und die Waggons nach Hoffnung. Yusuf ist gerade einmal 16 Jahre alt. Ein Jüngling mit noch unberührtem Bartwuchs, der die Welt für nichts als die Hochebenen Erzurums hält…
Staaten hatten sich an den Verhandlungstisch gesetzt, Arbeitskräfteabkommen waren unterzeichnet worden. Deutschlands Industrie benötigte junge Körper, die kohlenschwarz werden, die sieben Stockwerke unter der Erde graben würden. Als Yusuf jenen schwarzen Zug bestieg, ahnte er nicht, dass er damit seine Kindheit, die warme Suppe seiner Mutter und die Sonne der Heimat zurückließ. In der Hand einen Holzkoffer,m Herzen aber etwas Unbekanntes, das größer war, als in einen Koffer zu passen.
Das Ruhrgebiet Deutschlands… Das Herz der Industrie, wo der Himmel grau und die Gesichter finster sind. Für Yusuf und seine Gefährten beginnt das Leben mit “Glückauf” (dem Bergmannsgruß) und endet mit Erschöpfung. Hände, die eigentlich noch im Spielalter sein sollten, greifen zu Spitzhacke und Schaufel; jene Lungen atmen Kohlenstaub.
Die Wohnheime (Heime) sind das bitterste Gesicht der Fremde. Auf Stockbetten liegen junge Männer, jeder aus einer anderen Stadt kommend, durch das Schicksal verbunden… In diesem Land, dessen Sprache sie nicht kennen, dessen Kultur ihnen fremd ist, wärmen sie sich am Atem des anderen. Die wöchentliche zehnminütige türkische Nachrichtensendung im Fernsehen wird tagelang herbeigesehnt, die Postwege werden beobachtet. In jenen Momenten tiefer Stille und Einsamkeit beginnt die Saz in Yusufs Hand zu sprechen.

Vom Bergmann zum Barden: Die Rebellion der Seele
Yusuf Polatoğlu wählt es, die Dunkelheit unter der Erde mit dem Licht in seinem Herzen zu besiegen. Er gehört zu jenen seltenen Namen, die inmitten von Ruß und Staub der Zeche ihre Seele nicht beschmutzen lassen, sondern aus jenem Schmerz ein Kunstdenkmal meißeln. Die uralte Bardentradition Erzurums verschmilzt mit den modernen Qualen der Fremde.
Die Saz ist sein Schild. Seine Lieder sind ein Aufstand gegen kulturelle Verrohung, Assimilation und Verachtung.
“Lasst diese Welt, lasst uns wie Menschen leben” – wenn er dies sagt, äußert er nicht bloß eine Klage; er verteidigt die Menschenwürde, die Brüderlichkeit und den Frieden. Er ist der Aufschrei in jenen Jahren, in denen der Gastarbeiter nur als “Devisenmaschine” betrachtet wurde, der ruft: “Auch wir haben eine Seele, eine Kultur, einen Glauben.”
Das Gedächtnis des europäischen Türkentums
Mit den Jahren wird Yusuf Polatoğlu weit mehr als ein Bergarbeiter. Er ist das Gedächtnis der türkischen Gemeinschaft in Europa. “Fremde Hände” sind nun zur “bitteren Heimat” geworden. Die Leiden der ersten Generation, die Identitätskrisen der zweiten Generation, die Suche der dritten Generation – all dies liest und schreibt er am besten.
In seinen Gedichten findet sich manchmal der Rat eines Vaters an seinen Sprössling, manchmal die Empörung eines Arbeiters gegen seinen Vorgesetzten, manchmal jene unheilbare Liebe zu Anatolien. Er ist die schönste Antwort auf die Frage “Wer sind wir?”, die Menschenmengen in Moscheehöfen, in Vereinslokalen, in Festsälen Europas stellen. Mit der Zeitschrift Menzil, mit Radiosendungen, mit Kassetten hat er sein Leben der Aufgabe gewidmet, eine Generation bei Bewusstsein zu halten, aus ihr einen universellen Menschen zu machen, ohne sie von ihren Wurzeln zu trennen.
Und als die Kalender das Jahr 2021 zeigten, nahm uns die Covid-19-Seuche jene kraftvolle Stimme. Ozan Yusuf Polatoğlu ging zum Schöpfer, hinter sich Hunderte von Gedichten, vertonte Werke und Millionen Liebende mit tränenfeuchten Augen zurücklassend.
Vielleicht kehrte sein Körper zu jener so geliebten Erde zurück, doch seine Seele wandelt noch immer an der Seite des Arbeiters, der an nebligen europäischen Morgen zur Arbeit geht, durch die Straßen von Berlin, Köln und Paris. Er war der Ältere, der Vater und der Barde all jener, die das Wort Fremde mit Inhalt füllten, die den Schmerz zu Honig machten, die aus dunklen Bergwerkstunneln eine lichte Zukunft erhofften.
Heute hängt seine Saz an der Wand, sein Plektrum liegt bewegungslos… Doch jenes Feuer, das er entfacht hat, jene Lieder, die er sang, werden als wohllautender Widerhall unter europäischen Himmeln bis zum Jüngsten Tag fortdauern und den Weg des Gastarbeiters erleuchten.







