Nazım Hikmet

Nazım Hikmet, der größte Dichter der modernen türkischen Lyrik, ist mit seiner neuen Sprache und seinem neuen Verständnis, das er in die Dichtkunst einbrachte, der größte Revolutionär der Poesie.

MEHMET YILDIZ, MOERS

„Ich würde gerne eine halbe Stunde nach meinem Tod erwachen. Um mein Herz zu sehen, das mir so viel Schmerz bereitet hat, und um dein Weinen zu erleben.“

Seinen Blick auf die Art und Weise, wie die Literatur die Wirklichkeit widerspiegelt und interpretiert, können wir aus diesem Satz verstehen: „Der moderne Realismus in der Literatur ist die bewusste Anwendung des dialektischen Materialismus auf das Gebiet der Literatur.“ Er war der erste Autor, der die Philosophie und die transformative Kraft der Gesellschaften in die literarische Praxis überführte.

Hätte man von seiner Mutter Celile Hanım das Porträt eines schönen Kindes gewünscht, hätte sie seins gemalt. Aus der Ehe zwischen Hikmet Bey, dem Sohn von Nazım Pascha, und Celile Hanım, der Tochter des Sprachwissenschaftlers Enver Pascha und Leyla Hanım, wurde am 15. Januar 1902, an einem kalten Wintertag, Nazım mit blondem Haar und himmelblauen Augen geboren. Man gab ihm sowohl den Namen seines Großvaters als auch seines Vaters, also den Namen Nazım Hikmet. Sein Vater Hikmet Bey war im osmanischen Auswärtigen Dienst tätig. Seine Mutter Celile Hanım gehörte zu den ersten Malerinnen unseres Landes, eine aufgeklärte, kultivierte Frau.

Nazım war der lautstarkste Verfechter des Sozialismus in der Türkei, der sich mit der Oktoberrevolution über die Welt verbreitete. Deshalb musste er sein Land verlassen, war Armut, Gefangenschaft, Unterdrückung und Verleumdung ausgesetzt. Er gab nicht auf, verzweifelte nicht, selbst im Gefängnis grollte er seinem Land und seinen Menschen nicht, wandte sich nicht ab, und dieser „blauäugige Riese“ schrieb die ausführlichsten Epen über die Menschen Anatoliens. Mit seinem ersten 1929 veröffentlichten Buch „835 Zeilen“ bewies er, dass er im Türkischen aus den Quellen der Diwan- und Volksdichtung schöpfte, diese Tradition weiterentwickelte und eine moderne Lyrik schuf. Als erster Anwender des freien Verses wurde er zum Wegbereiter der zeitgenössischen türkischen Dichtung. Nazım Hikmet sorgte mit seiner schlichten, eigenständigen Sprache, der Vielfalt seiner Themen und seiner weltbürgerlichen Perspektive dafür, dass die türkische Lyrik auch international Beachtung fand. Doch der Preis, den er zahlte, war sehr hoch. 1951 wurde ihm die Staatsbürgerschaft aberkannt.

Schon in jungen Jahren erhielt er seine erste Bildung von seiner Mutter und bei den poetischen Versammlungen, an denen andere Familienmitglieder teilnahmen, und begann, Worte in Verse zu gießen. Nazım, der seine mittlere Schulbildung am Galatasaray- und am Nişantaşı-Gymnasium absolvierte, trat 1915 in die Marineakademie ein. Im selben Jahr wurde sein erstes Gedicht in einer Zeitschrift veröffentlicht. Mit der Besetzung Istanbuls traten an die Stelle der Liebesgedichte patriotische Verse. Später verließ er die Marineakademie aufgrund einer Erkrankung. Wegen der schlechten Behandlung unserer Menschen in den von den griechischen Besatzern geplünderten Gebieten gingen er und sein enger Freund Vala Nurettin in den Tagen, als Mustafa Kemal nach Samsun aufbrach, nach Ankara, um sich der anatolischen Bewegung anzuschließen. Nazım, der bis 1921 ein überzeugter Nationalist war, lernte in İnebolu Sadık Ahi, Nafi Atıf Kansu und Vehbi Sarıdal kennen, die ihm und Vala Nurettin von Marx, Engels und Kautsky erzählten, Namen, die sie zuvor nicht kannten.

Als Nazım und Vala in Ankara ankamen, bat sie der Pressedirektor Muhittin Bey, Gedichte zu schreiben, um die Istanbuler Jugend für den Kampf zu gewinnen. Als die Anhänger des Sultans auf ihre Gedichte reagierten, versetzte Muhittin Bey sie nach Bolu, Nazım als Türkischlehrer, Vala als Französischlehrer. Während ihrer Zeit in Ankara trafen die jungen Männer Mustafa Kemal, der ihnen empfahl, „Gedichte mit Zweck“ zu schreiben. Die jungen Männer wurden vom Kampf in Anatolien und vom Kommunismus beeinflusst und wollten die Sowjetrevolution näher kennenlernen. Sie gingen über Batumi nach Moskau. Nazım wurde Mitglied der Kommunistischen Partei.

Das Leben gleicht einem Glücksspiel. Hatte es jeder verdient, sowohl einen Vorsitzenden Richter am Schwurgericht als auch einen Mitbewohner zu haben, der Marx und Lenins Gedanken erklärte? Ziya Hilmi war Nazım Hikmets Mitbewohner, als dieser als Lehrer nach Bolu versetzt wurde. Er war sehr ordentlich. Nazım war unordentlich. Während er einerseits die Hausarbeit erledigte, spielte er andererseits den älteren Bruder für Nazım. Es ist erstaunlich, wie seine lange Gefangenschaft unter äußerst eingeschränkten Verhältnissen und unter schwierigen Bedingungen – mehr als die Tage, an denen er frei das Sonnenlicht genoss – zu seiner Kreativität, seinen Beziehungen, seiner Lehrtätigkeit, seiner Fähigkeit, sich selbst zu organisieren und gleichzeitig andere zu organisieren, und zu seiner weltweiten Anerkennung beitrug.

Nazım Hikmet kehrte 1924 ins Land zurück und wurde Mitglied der Kommunistischen Partei der Türkei, doch als die Verhaftungen begannen, ging er 1925 erneut nach Moskau. Obwohl er 1928 wieder ins Land zurückkehrte, konnte er kurzen Verhaftungen nicht entkommen. 1929 wurde sein Buch „835 Zeilen“ veröffentlicht. 1933 und 1937 kam es aus unterschiedlichen Gründen zu Verhaftungen, und schließlich wurde er 1938 wegen Anstiftung der Armee zur Rebellion, zusammen mit früheren Urteilen, zu insgesamt 28 Jahren und 4 Monaten Haft verurteilt. Nach einiger Zeit in den Gefängnissen von Ankara und Çankırı wurde er in das Gefängnis von Bursa verlegt und blieb dort zehn Jahre lang, bis er 1950 im Rahmen des allgemeinen Amnestiegesetzes freigelassen wurde. Seine Freilassung machte ihn nicht frei. Um der Gefahr zu entgehen, in die er geraten war, verließ er 1951 nach einem Plan, den er mit Refik Erduran ausgearbeitet hatte, sein Heimatland für immer und ging über Bukarest nach Moskau. Den Rest seines Lebens verbrachte er in Moskau, wobei er verschiedene Reisen in alle Welt unternahm. In sein verhältnismäßig kurzes Leben passten viele Lieben, Ehen und Kinder, und seine Liebschaften erzählte er seinen Lesern in seinen Gedichten mit offener Sprache und voller Gefühlsintensität.

Nazım Hikmet, der größte Dichter der modernen türkischen Lyrik, ist mit seiner neuen Sprache und seinem neuen Verständnis, das er in die Dichtkunst einbrachte, der größte Revolutionär der Poesie. Seine mutig verfassten Gedichte in neuer Form wurden zunächst von Intellektuellen, die an der alten Auffassung festhielten, kritisiert, fanden später jedoch auch lobende Anerkennung.

„Nazım hatte seinen eigenen Weg an dem Punkt gefunden, an dem sich seine innovative Aufbruchslinie mit der Rückkehr zur Tradition kreuzte, und konnte seine Persönlichkeit von diesem Schnittpunkt aus entwickeln.“

Nazım, einer der größten Meister der türkischen Sprache, war nicht nur ein Dichter. Er war zugleich Journalist, Erzähler und Dramatiker. Mit seinen Gedichten und Texten, die Tausende von Seiten umfassen, ist Nazım Hikmet ein bedeutender Denker, der stets den Weg wählte, die nationale Kultur mit den gemeinsamen Werten der Völker und der Menschheit zu verbinden, und der über Kunst, Philosophie, Politik und die grundlegenden Probleme der Menschheit nachdachte. Er kämpfte sein ganzes Leben lang unablässig für ein klassenloses Regime, in dem jeder Mensch sich frei ausdrücken und jede Klasse und Schicht gleichberechtigt sein würde.

Nazım als Maler

Betrachtet man Nazıms Stammbaum, zeigt sich, dass es in der Familie Künstler wie Dichter, Schriftsteller und Maler gab. Sein Großvater Mustafa Celalettin Pascha absolvierte die Ingenieurschule und stieg bis zum Pascharang auf. Er konnte Karten zeichnen und malte wunderbare Bilder. Seine Mutter Celile Hanım stand an vorderster Stelle jener, die ihm diesen Weg eröffneten. Die Porträts, die Zeichnungen auf seinen Gedichtseiten aus den Gefängnisjahren sind Ausdruck von Nazıms Beobachtungsgabe. Im Gefängnis beobachtete Orhan Kemal Nazım und notierte sogar das Pfeifen, das er beim Malen von sich gab. Mit den Porträts, die er im Gefängnis von Çankırı für Piraye zeichnete, die er „meine Gattin, meine Seelenverwandte“ nannte, drückte Nazım seine Liebe und Sehnsucht nach seiner Frau aus.

Film- und Theaterarbeiten

In den 1930er Jahren besuchte Muhsin Ertuğrul Nazım und bat ihn, einige Theaterstücke zu schreiben. Nazım wollte diese führende Persönlichkeit des türkischen Theaters nicht enttäuschen und schrieb für ihn die Stücke „Kafatası“ (Der Schädel) und „Bir Ölü Evi“ (Ein Totenhaus). Später, 1933, schrieb er die Drehbücher für die Filme „Söz Bir Allah Bir“ und „Cici Berber“.

„Dass in Kunst und Leben Direktheit, Einfachheit, Schmucklosigkeit, Glanzlosigkeit und Samtlosigkeit notwendig sind, habe ich aus den Opern gelernt, die ich im Bolschoi sah. Wie die sich ständig bewegende, sich verändernde Komposition nicht nur im Ballett, sondern auch im Drama, im Roman, in der Dichtung sein sollte, lernte ich aus dem Ballett ‚Der schöne Jussuf‘.“

Nazım war sowohl in der Erzählung und im Roman als auch in der Lyrik für die Feststellung formaler Möglichkeiten und die Suche nach ihrem Nutzenpotential. Er sagte sogar, den grundlegenden Unterschied zwischen den Gattungen sehe er „nicht in der Quantität, sondern in der Qualität“. Das heißt, nach seiner Auffassung macht nicht die Menge einen Roman aus, sondern seine Beschaffenheit. Die Wahl eines Themas in Romanen, ja selbst der soziale Inhalt des Romans, ist aus der Sicht der Weltanschauung, die Nazım vertrat, eine Notwendigkeit. Es ist möglich, diese Haltung in allen seinen Werken oder in seinen Ansichten über Literatur zu erkennen.

Seine Gedichte

Obwohl er in einem aufgeklärten Familienumfeld aufwuchs, lernte er während seiner Zeit an der Marineakademie auf Heybeliada den berühmten Dichter seiner Zeit, Yahya Kemal Beyatlı, kennen, und in Russland, wohin er in seinen Zwanzigern ging, wurde er mit Majakowski, einem der besten Dichter aller Zeiten, befreundet. Die turbulente Epoche seines Landes brachte ihn mit der menschlichen Realität seiner Zeit, mit ihrer Kunst und ihren sozialen Problemen in Berührung. Nazım, der bereits in seinen ersten Gedichten im Silbenmaß über das Gewohnte hinausging und die Türen zu einer neuen, eindrucksvollen Gedichtwelt öffnete, schenkte mit „Açların Gözbebekleri“ (Die Pupillen der Hungrigen), das er in Russland kennenlernte und in neuer Form schrieb, der türkischen Lyrik das erste Gedicht im freien Versmaß. Als 1929 nach seiner Rückkehr aus Moskau sein erstes Gedichtbuch „835 Zeilen“ erschien, löste es eine Revolution in der türkischen Lyrik aus. Danach folgten in rascher Folge die Bücher „Jokond ile Si-Ya-U“, „Varan 3″, „Sesini Kaybeden Şehir“ (Die Stadt, die ihre Stimme verlor), „Benerci Kendini Neden Öldürdü“ (Warum tötete sich Benerci), „Portreler“ (Porträts), „Taranta Babu’ya Mektuplar“ (Briefe an Taranta Babu).

Über seine Persönlichkeit als Künstler, Schriftsteller und Kommunist könnte man seitenlang schreiben. Es wäre unmöglich gewesen, über diesen vielseitigen, blauäugigen Riesen zu sprechen, ohne seine Herzensangelegenheiten, die Frauen, die in sein Leben traten oder die er liebte, zu erwähnen. Er war ein Mann des Herzens. Die Herzen der Herzensmenschen blieben niemals leer, unter welchen Umständen auch immer. Und so blieb auch seins nicht leer.

Celile Hikmet Hanım war mit ihren Gemälden ebenso wie mit ihrer Schönheit in aller Munde Istanbuls. Sie war die meistbesprochene Frau der Istanbuler Gesellschaft. Yahya Kemal, der zu ihnen nach Hause kam, um Nazım zu unterrichten, verliebte sich in diese einzigartige Schönheit. Doch aufgrund Nazıms Widerstand und Yahya Kemals Weigerung zu heiraten, ging Celile Hanım ins Ausland. Die Scheidung seiner Mutter und seines Vaters traf Nazım zutiefst. Er machte seinen Dichtlehrer Yahya Kemal dafür verantwortlich. An einem Tag, als dieser zum Unterricht kam, hinterließ Nazım eine Notiz in der Jackentasche seines Lehrers. Der junge Dichter forderte Yahya Kemal, seinen Literaturlehrer, mit dieser Notiz gleichsam heraus: „In dieses Haus, das Sie als mein Lehrer betraten, werden Sie nicht als mein Vater eintreten können.“

Mit Nüzhet war er in derselben Nachbarschaft aufgewachsen, sie waren Kindheitsfreunde, und Nüzhet war Nazıms erste Liebe. 1921, als er Student an der Universität in Moskau war, heirateten sie spontan. Nüzhets Familie war mit dieser Ehe nicht einverstanden. Sie schrieben Briefe nach Moskau: „Mit jedem Wort, mit jeder Geste, gegen alles rebelliert, sogar seine Haare haben sich gegen den Kamm des Barbiers aufgelehnt – mit diesem Mann wird ein fügsames und sanftes Mädchen wie du nicht auskommen können!“

Doch diese mit Liebe begonnene Ehe dauerte nicht sehr lange. Nach zweijähriger Zusammengehörigkeit erkrankte Nüzhet, kehrte nach Istanbul zurück und verließ Nazım auch unter dem Einfluss ihrer Familie. Diese Verlassenheit traf Nazım sehr. Er konnte Nüzhet lange nicht vergessen. Aus Eifersucht und den Gefühlen, die das Verlassenwerden hervorrief, schrieb er das Gedicht „Gövdemdeki Kurt“ (Der Wurm in meinem Körper).

Piraye war eine enge Freundin von Nazıms Schwester Samiye. Rothaarig, auffallend, aufgeklärt, in einem kultivierten Umfeld aufgewachsen und Angehörige einer wohlhabenden Familie. Und Piraye war zugleich von ihrem Mann geschieden, eine verwitwete Frau mit einem Sohn und einer Tochter. Bei den häufigen Besuchen in Nazıms Haus in Kadıköy lernten sie sich kennen und verliebten sich ineinander, doch wegen Nazıms langer Gefängnisjahre, die zu jener Zeit begannen, traten Trennungen zwischen sie. Aber diese langen Trennungen, die mit Nazıms Gefängnisjahren begannen, festigten ihre Verbundenheit und ihre Liebe nur noch mehr, und Nazım schrieb seine Liebesgedichte, die zu den schönsten Beispielen der türkischen Lyrik zählen, stets für diese „rothaarige Frau“. 1935, als Nazım nach der Amnestie freigelassen wurde, heirateten er und Piraye endlich. Doch auch diese Ehe wurde durch politischen Druck, wirtschaftliche Probleme und Jahre erzwungener Trennung unterbrochen. Die Hoffnungslosigkeit der Jahre, die Nazım zwischen 1938 und 1948 im Gefängnis verbringen sollte, würde durch die Unterstützung seiner Mutter und seiner Freunde sowie durch Pirayes kurze Besuche und ihre Liebe gemildert. In den langen Gefängnisjahren, in denen Nazım der Hoffnungslosigkeit verfiel, schlug er Piraye vor, sich von ihm scheiden zu lassen. Pirayes Antwort lautete: „Selbst wenn du zu 101 Jahren verurteilt würdest, stehe ich hinter dir, das sollst du wissen.“

Diese leidenschaftliche Liebe verlor eines Tages ihre Aufregung, und Nazım versuchte, die Aufregung, nach der er suchte, in anderen Beziehungen zu finden. Natürlich verletzte diese Situation Pirayes Stolz und brach ihr das Herz. Die Romanautorin Cahit Uçuk und die Opernsängerin Semiha Berksoy gehörten zu den Frauen, die in seinen hoffnungslosen Tagen in sein Leben traten. Schließlich musste Piraye all dem mit Verständnis begegnen und ihm vergeben. Nazıms Beziehung zu Münevver wurde zum letzten Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

1952 lernte er die junge russische Ärztin Galina kennen, was der Beginn einer neuen Liebe für Nazım wurde. Galina war Nazıms Ärztin, Lebenspartnerin, häusliche Gefährtin, Gesundheitsberaterin, Kontrolleurin seines Essens und Trinkens und seines gesamten Lebens, seine Ehefrau auf gemeinsamen Auslandsreisen und andererseits auch eine Staatsangestellte, die ihn im Namen Russlands überwachte. Obwohl Nazım für Galina keine Liebesgedichte schrieb, führte er mit ihr seine längste Beziehung.

Doch auf Nazım, der mit Galina lebte und sich nach Münevver sehnte, wartete eine neue Liebe. Ende 1955 lernte er durch einen Zufall Vera kennen. Was der Dichter damals jedoch nicht wusste, war, dass Vera verheiratet und Mutter eines Mädchens war. Diese Liebe wie ein Blitzschlag belebte Nazım erneut, brachte seine Lebensfreude und Begeisterung zurück. Schließlich begann er, Vera unter Druck zu setzen, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen, damit sie zusammenleben könnten, und sie zu beneiden.

Vera ist die Frau, die Nazım mit dem 1961 geschriebenen Gedicht „Saman Sarısı“ (Strohblond) unsterblich machte, in dem er von „strohblondem Haar, blauen Wimpern und roten vollen Lippen“ sprach. Die Liebe der dreißig Jahre jüngeren Vera ließ Nazım den Kopf verlieren. Nun wurde diese junge Geliebte zur Inspirationsquelle neuer Liebesgedichte. Anfang 1960 geschah endlich das Erwartete. Nazıms achtjährige lange Beziehung zu Galina endete mit einer Scheidung. Auch Vera gelang es nach langen, qualvollen Jahren, sich von ihrem Mann zu trennen. Schließlich erreichte Nazım Vera, in die er sich vom ersten Augenblick ihrer Begegnung an verliebt hatte, das heißt, sein Wunsch ging in Erfüllung, und er schaffte es, Veras Herz zu gewinnen. Von nun an würde Nazım seine Liebesgedichte für Vera schreiben. Am 3. Juni 1963 erlag er seinem Herzen und flog still davon. Nazım, dem 1951 die Staatsbürgerschaft aberkannt worden war, musste bis 2009 warten, um wieder als türkischer Staatsbürger zu gelten.

Das Land und seine Regierenden hatten erneut ihr Kronos-Dasein bewiesen und ein weiteres ihrer Kinder verschlungen. Oder sie hatten mit einem Prozess, der mit Nazım begann, damit angefangen, ihre eigenen Kinder zu verschlingen. Dabei war sein letzter Wunsch gewesen, seinen letzten Schlaf in seinem Land unter einem Platanenbaum zu schlafen. Er gehörte zu denjenigen, die die Grausamkeit der faschistischen Sichtweise während seines Lebens und nach seinem Tod am stärksten spürten. Doch diejenigen, die seine Bücher verbrannten, vermochten weder die Liebe zu Nazım noch seine Gedichte aus den Herzen zu tilgen. Er ruht nun unter allen Platanenbäumen in den Dörfern, Städten und Städtchen Anatoliens.

In ehrendem Gedenken.

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