Liebe Leserinnen und Leser,
manchmal wird eine Zeitschrift zu mehr als nur bedrucktem Papier. Sie wird zur Stimme einer Generation, die ihre Geschichte auf fremdem Boden schrieb, aber ihre Sprache niemals verlor. Genau das ist „Schriftart“: Die Stimme einer Generation, die als Resultat einer vor 65 Jahren begonnenen Reise heute in der Sprache der Gesellschaft spricht, in der sie angekommen und europäisch geworden ist. Eine Generation, die sich der Zugehörigkeit zu diesem Boden bewusst ist – das ist „Schriftart“.
Die Ankunft und das Wort „Gastarbeiter“
Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Bahnsteigen. Männer in zu großen Anzügen, Frauen mit Kopftüchern, Kinder, die mit neugierigen Augen ihre Umgebung mustern. Sie kamen als „Gastarbeiter“. Ein Wort, das in einem einzigen Begriff ausdrückte, wie fremd, wie vorübergehend sie waren. Deutschland brauchte Arbeitskräfte, doch es kamen Menschen.
Zwischen zwei Welten
Die erste Generation baute dieses Land gemeinsam mit der aus dem Krieg hervorgegangenen deutschen Gesellschaft auf. Ihre Hände formten Stahl, verlegten Schienen, nähten Stoffe. Doch ihre Seelen blieben zwischen zwei Welten gefangen: zwischen dem „Jetzt“, das ihnen nie ganz Raum gab, und dem „Einst“, das sie nicht mehr zurückrief. 65 Jahre später studieren ihre Enkel an deutschen Universitäten, die Kinder ihrer Enkel sprechen fließend Deutsch.
Szenen eines Lebensfilms
Die Szenen dieses Lebensfilms sind so gehaltvoll! Die Baracken in Köln. Die erste Wohnung in Frankfurt, geteilt mit fünf Familien. Der Duft von frischem Brot am Sonntagmorgen. Die stille Klage einer Mutter, die an den Bahngleisen Ausschau hält, um ihre Kinder wenigstens einmal im Jahr sehen zu können. Der Stolz eines Vaters, der sein erstes Gehalt im Umschlag ins Dorf schickt. Der lange, melancholische Blick eines alten Mannes, der heute auf einer Parkbank sitzt und sich fragt: „Habe ich richtig gehandelt?“
Das Schweigen und das Erbe
Die erste Generation sprach nicht viel. Sie arbeitete. Sie schwieg. Sie hielt durch. Doch in ihren Augen war ein ganzes Jahrhundert verborgen. Sie waren eine Generation, die das Etikett „Migrant“, das Deutschland ihnen aufklebte, nie ganz abstreifen konnte.
Und wir, die Zeitschrift „Schriftart“, schulden ihnen eine Geschichte. Den Großmüttern und Großvätern, die ihren Kindern und Enkeln von den Schönheiten zweier Welten erzählten. Wir stehen in der Schuld einer Generation, die die Klänge der Heimat summte, ihre Volkslieder sang und in den Fabrikhallen mit Heimweh in den Augen stand.
Ein Leben in Würde
65 Jahre. Ein Leben. Und diese Generation ist noch immer unter uns – still, aber würdevoll. Sie sitzen in Pflegeheimen, wo oft niemand ihre Lieder kennt. Sie warten auf Besuche, die seltener werden. Sie tragen Geschichten in sich, nach denen kaum noch jemand fragt.
„Schriftart“ ist ihr Gedächtnis – genauer gesagt, das Gedächtnis der türkischen Migranten. Die Zeitschrift, die Sie jetzt in Händen halten, beschreitet den Weg, den die erste Generation geebnet hat. Jede Zeile ist für sie geschrieben. Jedes Wort ein Dankeschön. Jede Geschichte eine Verneigung.
Wir gedenken ihrer – mit größtem Respekt.







