Gesundheit: Was steckt dahiner?

Die moderne Physik des Nichtgleichgewichts eröffnet nun eine neue Sichtweise: Die Umwelt ist nicht nur eine Bedrohung, sondern vor allem eine Quelle von Vitalität und Gesundheit. Leben entsteht nicht im Widerstand gegen seine Umgebung, sondern in einem intensiven Austausch mit ihr im ständigen Fluss von Energie und Materie.
Madrid/Spain 03-30-2020: Healthcare personnel protect themselves against covid19

Talih Seval Tuncer, Essen

Was bedeutet es wirklich, gesund zu sein?

Ist es nur die Abwesenheit von Krankheit oder steckt dahinter mehr?

Der Mensch im Mittelpunkt….

Immer wieder stand die Frage im Fokus: „Was bedeutet es, gesund zu sein?“ Die Antworten darauf haben sich im Laufe der Zeit verändert. Mal wurde der Mensch fast ausschließlich als Körper betrachtet, dessen Gesundheit allein durch die Abwesenheit von Krankheit bestimmt war.

Später rückten auch seelische Kräfte und soziale Bindungen in den Blick. Heute beginnt sich ein Bild zu formen, das den Menschen in seiner Ganzheit versteht, eingebettet in Körper, Geist und soziale Beziehungen.

Diese Sichtweisen spiegeln sich im biomedizinischen, psychosozialen und biopsychosozialen Modell wider. Und doch blieb eine entscheidende Frage offen:

„Wie gelingt es dem Menschen, trotz Krisen, Belastungen und widrigen Umständen gesund zu bleiben?“

Lange Zeit prägte das pathogenetische Konzept unser Verständnis von Gesundheit: Der Mensch wurde als verletzliches Wesen in einer primär feindlichen Umwelt betrachtet, Prävention bedeutete „Schutz vor deren Gefahren.“ Dieses Denken, tief verwurzelt in der Gleichgewichtsthermodynamik, konnte die Komplexität des Lebens jedoch nie vollständig erfassen.

Interessanterweise teilte Aaron Antonovsky, Begründer der Salutogenese, die Grundannahme einer „lebensfeindlichen Umwelt“, fragte jedoch, wie es dem Menschen dennoch gelingen kann, gesund zu bleiben.

Die moderne Physik des Nichtgleichgewichts eröffnet nun eine neue Sichtweise: Die Umwelt ist nicht nur eine Bedrohung, sondern vor allem eine „Quelle von Vitalität und Gesundheit.“ Leben entsteht nicht im Widerstand gegen seine Umgebung, sondern in einem „intensiven Austausch mit ihr im ständigen Fluss von Energie und Materie.“

Altern wird nicht mehr als bloßer „Verfall einer reparaturbedürftigen Maschine“ verstanden, sondern als dynamischer „Prozess der Transformation.“

Damit vollzieht sich ein fundamentaler Wandel: Prävention wird nicht länger als bloßer „Schutz“ gedacht, sondern als „aktive Erzeugung von Gesundheit“, gestützt auf die Erkenntnisse einer Physik, die dem Leben gerechter wird. Ein Paradigmenwechsel mit weitreichenden Folgen für Medizin, Gesellschaft und unser Verständnis des Menschseins.

Resilienz: Die Widerstandsfähigkeit als Schlüssel zur Gesundheit

Die Resilienzforschung blickt mittlerweile auf über fünf Jahrzehnte Entwicklung zurück und hat ihre Wurzeln in den 1970er Jahren. So entstand als Reaktion auf die Entwicklungspathologie, die sich primär mit den Risiken und negativen Einflüssen auf die menschliche Entwicklung beschäftigt.

Im Gegensatz dazu konzentriert sich die Resilienzforschung auf die „Fähigkeit von Individuen, sich trotz herausfordernder Lebensumstände positiv zu entwickeln.“ Der Schwerpunkt liegt dabei auf den Schutzfaktoren und Ressourcen, die den Menschen helfen, schwierige Situation zu bewältigen, während gleichzeitig die Risiken berücksichtigt werden.

Während die Pathogenese sich mit den Ursachen von Krankheiten befasst und die Salutogenese nach den Bedingungen für Gesundheit fragt, spielt die Resilienz eine entscheidende Rolle in der individuellen Gesundheitsentwicklung. Resilienz beschreibt die Fähigkeit eines Menschen, trotz belastender Umstände, Stress oder Krisen gesund zu bleiben und sich sogar weiterzuentwickeln.

Verbindung zur Salutogenese

Aaron Antonovskys Konzept der Salutogenese setzt genau hier an: Es fragt nicht nur, „warum Menschen krank werden“, sondern auch, „warum sie trotz widriger Bedingungen gesund bleiben.“ Eine zentrale Rolle spielt dabei der Sense of Coherence (Kohärenzgefühl), der aus Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit besteht.

Resiliente Menschen verfügen häufig über ein stark ausgeprägtes Kohärenzgefühl, das es ihnen ermöglicht, Stress und Krisen besser zu bewältigen.

Abgrenzung zur Pathogenese

Im pathogenetischen Modell wird Resilienz oft nur als „Schutzmechanismus gegen Krankheiten“ betrachtet, also als „Fähigkeit, sich von Belastungen zu erholen.“ Im salutogenetischen Modell hingegen wird Resilienz als „dynamischer Prozess“ verstanden, der nicht nur Schutz bietet, sondern aktiv zur Förderung von Gesundheit beiträgt.

Faktoren, die Resilienz stärken

Resilienz ist keine angeborene Eigenschaft, sondern kann durch verschiedene Faktoren gefördert werden, darunter:

Soziale Unterstützung (stabile Beziehungen und Netzwerke)

Positive Bewältigungsstrategien (z. B. Problemlösungskompetenz)

Selbstwirksamkeitserwartung (Glaube an die eigene Fähigkeit, Herausforderungen zu meistern)

Achtsamkeit und Stressbewältigung

Resilienz kann als Brücke zwischen den beiden Gesundheitsmodellen verstanden werden: Sie schützt vor Krankheit (pathogenetische Sichtweise), trägt aber auch aktiv zur Gesunderhaltung und persönlichen Entwicklung bei (salutogenetische Sichtweise).
Die Bedeutung der Salutogenese für kranke Menschen
In der Gesundheitswissenschaft bezeichnet sich die Pathogenese als die „Entstehung von Krankheiten“, während die Salutogenese den „Ursprung und die Förderung von Gesundheit“ untersucht. Dieses Konzept wurde vom Medizinsoziologen Aaron Antonovsky entwickelt und bietet einen alternativen Blickwinkel auf die Gesundheitsförderung, insbesondere für Menschen mit bestehenden gesundheitlichen Herausforderungen.

Das Konzept der Salutogenese

Die Salutogenese betrachtet Gesundheit und Krankheit nicht als gegensätzliche Zustände, sondern als „Punkte auf einem Kontinuum.“ Antonovsky führte diesen Begriff ein, um zu verstehen, wie Menschen trotz Belastungen gesund bleiben können.

Das Kohärenzgefühl als zentrales Element

Ein Schlüsselfaktor in der Salutogenese ist das Kohärenzgefühl, das die Fähigkeit beschreibt, das Leben als verständlich, handhabbar und sinnvoll zu erleben. Es besteht aus drei Komponenten:

Verstehbarkeit: „Die Fähigkeit, Informationen und Ereignisse als strukturiert und erklärbar zu begreifen.“

Handhabbarkeit: „Das Vertrauen in die eigenen Ressourcen und die Unterstützung durch das soziale Umfeld, um Herausforderungen zu bewältigen.“

Sinnhaftigkeit: „Die Überzeugung, dass das Leben bedeutungsvoll ist und es sich lohnt, sich anzustrengen.“
Diese Aspekte fördern die Resilienz und das allgemeine Wohlbefinden, insbesondere bei kranken Menschen.

Bedeutung für kranke Menschen:

Für Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen bietet die Salutogenese einen Ansatz, der über die reine Krankheitsbehandlung hinausgeht. Durch die Förderung des Kohärenzgefühls können folgende positive Effekte erzielt werden:

Stärkung der Selbstwirksamkeit: „Kranke Personen entwickeln ein aktives Gesundheitsverständnis und können ihre Situation besser beeinflussen.“

Förderung von Resilienz: „Die Fähigkeit, mit Stress und Rückschlägen umzugehen, wird erhöht.“

Verbesserung der Lebensqualität: „Ein höheres Kohärenzgefühl ist mit einem besseren allgemeinen Wohlbefinden verbunden.“
Das Verständnis von Gesundheit hat sich von einem engen, rein biomedizinischen Blick hin zu einer ganzheitlichen Sichtweise entwickelt, die Körper, Seele und soziale Einbettung gleichermaßen berücksichtigt. Während die Pathogenese den Schutz vor Krankheiten betonte, öffnet die Salutogenese den Blick auf die „Kräfte, die Gesundheit erhalten und stärken.“ Resilienz ergänzt dieses Bild, indem sie zeigt, wie Menschen Krisen nicht nur überstehen, sondern an ihnen wachsen können.
Gesundheit erscheint so nicht mehr als „unveränderlicher Zustand“, sondern als „lebendiger Prozess“, getragen von inneren Ressourcen und dem „ständigen Austausch mit unserer Umwelt.“
Es ist ein Weg „von Schutz zur Entfaltung.“ Ein Paradigmenwechsel, der uns lehrt, den Menschen nicht nur als „verletzlich“, sondern zugleich als „kraftvoll, schöpferisch und entwicklungsfähig“ zu sehen.
Die Salutogenese bietet einen wertvollen Rahmen, um die Gesundheit von kranken Menschen zu fördern. Durch die Konzentration auf die Stärkung des Kohärenzgefühls können Individuen besser mit ihrer Krankheit umgehen und ihre Lebensqualität verbessern. Es ist daher empfehlenswert, salutogenetische Ansätze in die Praxis der Gesundheitsversorgung zu integrieren.

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