Dr. Safiye Ali

Eine türkische Ärztin mitten im Zweiten Weltkrieg. Die erste Ärztin der Türkei und die deutsche Verbindung der Familie Ecevit.

Anfang der 2000er Jahre saß ich Bülent Ecevit gegenüber. Im Laufe unseres Gesprächs kamen Worte über seine Lippen, die den Schleier einer jahrzehntelang im Dunkeln verborgenen Familiengeschichte lüfteten. Mit schlichten, doch herzzerreißenden Worten erzählte er mir:

„Die Schwester meiner Großmutter, die ich ebenfalls als Großmutter betrachte, war Ärztin. Sie heiratete einen Deutschen namens Krekeler und ließ sich in Dortmund nieder. Dann brach dort der Krieg aus. Sie kehrten zunächst in die Türkei zurück, um dem Krieg zu entgehen. Doch ihr Herz ließ es nicht zu. Damit die Kinder dort nicht ohne Arzt bleiben mussten, ging sie wieder nach Dortmund und verstarb dort.“

Ich spürte in diesem Moment, dass diese Sätze weit mehr erzählten als nur von einem verwandtschaftlichen Band. Sie erzählten von der Lebensgeschichte einer außergewöhnlichen Frau. Es war die Geschichte von Dr. Safiye Ali, einem der strahlendsten Namen in der türkischen Medizingeschichte. Die mit Deutschland verwobenen Bande einer Familie, die Menschlichkeit und Aufopferung, die eine Frau mitten im Krieg zeigte…

Was ich damals in jenem Interview erfuhr, ließ mich nicht mehr los. Die Recherche zu dieser Geschichte wurde zu einer Reise durch zwei Länder, zwei Kulturen und durch die dunkelsten wie auch die hoffnungsvollsten Kapitel des 20. Jahrhunderts.

safiyealii

Die Tochter einer aristokratischen Familie

2. Februar 1894. In der Villa einer der aristokratischen Familien Istanbuls kam Safiye zur Welt, die jüngste Tochter von Ali Kırat Pascha, der Sultan Abdülaziz und Abdülhamid II. als Adjutant gedient hatte. Ihre Mutter Emine Hasene Hanım war die Tochter von Hacı Emin Pascha, der 17 Jahre lang das Amt des Scheichs ul-Islam in Mekka innehatte. Die älteste der vier Schwestern sollte die Urgroßmutter von Bülent Ecevit werden.

Safiye wuchs im Schoß einer alteingesessenen Familie auf. Doch ihr Schicksal sollte dem vieler dieser alteingesessenen Familien gleichen. Als Kind wurde sie Zeugin der Deportation von 1915. Diese Familie, die im Şahinyan-Konağı geboren worden war, einem der prächtigsten Zivilbauten von Sivas, ließ ihre zahllosen Immobilien in der Region zurück und suchte Zuflucht in Istanbul. Sie zogen in eine bescheidene Wohnung in Harbiye. Unter den neuen Verhältnissen, die die Republik brachte, begann ein neues Leben.

Der Weg nach Würzburg

Das Jahr 1916. Im Osmanischen Reich war es Frauen verboten, an medizinischen Fakultäten zu studieren. Doch die 22-jährige Safiye Ali hatte eine mutige Entscheidung getroffen. Mit einem Stipendium des damaligen Bildungsministers Ahmet Şükrü Bey ging sie nach Deutschland. Sie schrieb sich an der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg ein.

Während sie durch die Straßen Würzburgs schritt, nahm sie vom Sommersemester 1916 bis zum Wintersemester 1920/21 an 68 Vorlesungen, Seminaren und praktischen Arbeiten teil. Selbst in den Ferienzeiten assistierte sie in den Praxen deutscher Ärzte. Sie belegte Philosophie- und Geschichtsvorlesungen. Ihr Fleiß, ihre Entschlossenheit, ihre Beharrlichkeit… All dies führte sie einem Ziel entgegen.

Mai 1921. Mit ihrer Dissertation Über Pachymeningitis haemorrhagica interna im Säuglingsalter erlangte sie den Doktortitel der Universität Würzburg. Mit der Zustimmung des Bayerischen Kultusministeriums war sie nun offiziell Ärztin.

Doch das genügte ihr nicht. Nach Abschluss ihrer Promotion blieb sie sechs Wochen in Istanbul und kehrte dann erneut nach Deutschland zurück, um sich auf Frauenheilkunde und Pädiatrie zu spezialisieren. Bei dieser Rückkehr sollte eine Begegnung stattfinden, die ihr Leben verändern würde.

Eine Liebesgeschichte: Ferdinand Krekeler

In Würzburg lernte sie ihn kennen. Ferdinand Krekeler, 1895 in Ottenhausen geboren, Medizinstudent. Im Ersten Weltkrieg hatte er ein Bein verloren. Er spezialisierte sich auf Augenheilkunde.

Ferdinands Liebe zu Safiye war so groß, dass er seine Universitätskarriere beiseite legte und Mitte der 1920er Jahre mit seiner Frau nach Istanbul zog. Ja, ein deutscher Arzt gab seine Karriere in Deutschland auf und kam aus Liebe nach Istanbul.

Auch ihre Heirat war für die damalige Zeit ungewöhnlich:

28. November 1924: Standesamtliche Trauung in der Deutschen Botschaft in Istanbul.

25. Oktober 1928: Kirchliche Trauung in der Stift Haug Kirche in Würzburg. Mit besonderer Genehmigung des Vatikans. Und das Wichtigste: Safiye Ali wurde nicht katholisch!

Dies war für das damalige Europa ein wahres „Novum”. Ein katholischer Deutscher und eine muslimische Türkin heirateten, ohne dass die Frau ihre Religion änderte. Ferdinand Krekeler benutzte in Istanbul den Namen „Ferdi Ali”, doch dies bedeutete nicht zwangsläufig, dass er zum Islam konvertiert war. Dass der Vatikan zu jener Zeit einer solchen Ehe seine Zustimmung erteilte, war nahezu einzigartig. Zwei Menschen, zwei Religionen, zwei Kulturen… Doch eine Liebe.

In Istanbul: Die erste Ärztin

Juni 1923. Safiye Ali erhielt ihre Approbation als erste Ärztin der Türkischen Republik. Gemeinsam mit ihrem Mann eröffnete sie eine Praxis in der Nuruosmaniye Caddesi in Cağaloğlu. Ferdinand Krekeler war Augenarzt, Safiye Ali Fachärztin für Frauenheilkunde und Kinderheilkunde.

Doch der Erfolg brachte keinen Frieden. Es gab die Eifersucht und den Widerstand männlicher Kollegen. Frauen der gehobenen Gesellschaft zögerten, einer Ärztin zu vertrauen. Manche wollten kein volles Honorar zahlen. Die erste Ärztin der Türkei wurde in ihrem eigenen Land nicht genügend wertgeschätzt.

Vielleicht beeinflussten diese Schwierigkeiten die Entscheidung des Paares, 1929 nach Dortmund zu ziehen.

Dortmund: Ein neues Leben in der Hohen Straße

Das Jahr 1929. Safiye Ali und Ferdinand Krekeler ließen sich in Dortmund nieder. In der Hohen Straße 15 eröffneten sie unabhängige Praxen. Safiye Ali für Frauenheilkunde und Pädiatrie, Ferdinand Krekeler für Augenheilkunde.

In den Archiven der Stadt Dortmund finden sich Aufzeichnungen über die berufliche Tätigkeit des Paares. Beide waren im Reichsärzteregister eingetragen. Ein Register, das alle Ärzte im Deutschen Reich umfasste.

Vielleicht war es ein ruhiges Leben. Doch 1939 wurde die Welt erschüttert.

Mitten im Krieg: Die „türkische Bunkerärztin”

Als der Zweite Weltkrieg begann, trafen Safiye Ali und Ferdinand Krekeler eine sehr wichtige Entscheidung: Sie blieben in Dortmund. In den dunkelsten Tagen der Stadt setzten sie ihre Arbeit für die Menschen fort.

Das Paar verlor während des Krieges fünfmal durch Luftangriffe sein Haus und seine Praxen. Fünfmal! Jedes Mal begannen sie von vorn. Schließlich fanden sie vorübergehend Unterschlupf auf dem Gut Wintrup des Grafen Wolff-Metternich zur Gracht in Vinsebeck.

In einer Todesanzeige der Rheinischen Post von 1952, unterzeichnet von Dr. Krümmer, wird Safiye Ali aufgrund ihrer Arbeit während der Dortmunder Luftangriffe 1944/45 als „türkische Bunkerärztin” bezeichnet.

Dieser Titel sagt alles. In den Tagen, als die Bomben fielen und die Stadt dem Erdboden gleichgemacht wurde, behandelte sie Menschen in den Bunkern. Unter Einsatz ihres eigenen Lebens kämpfte sie für die Gesundheit besonders der Kinder und Frauen.

Ecevits Worte hallen wieder: „Damit die Kinder dort nicht ohne Arzt bleiben mussten, ging sie wieder nach Dortmund.”

Das war wahres Heldentum. Unter Missachtung der eigenen Sicherheit, des eigenen Lebens, dort zu bleiben, um das Leben anderer zu retten…

Die letzten Jahre: Der Kampf gegen den Krebs

Nach Kriegsende versuchte das Paar noch einmal, in die Türkei zurückzukehren. Doch 1945 wurde bei Safiye Ali Krebs diagnostiziert. Zur Behandlung kehrten sie nach Dortmund zurück.

1948 ließen sie sich endgültig in Dortmund nieder. Safiye Ali eröffnete eine neue Praxis am Hiltropwall 2. Sie arbeitete bis zu ihrem Tod weiter.

5. Juli 1952. Im Alter von 58 Jahren verstarb sie in Dortmund an Krebs. Ihre Trauerfeier fand am 9. Juli 1952 in der großen Trauerhalle des Dortmunder Hauptfriedhofs statt. Die Todesanzeige auf ihrem Grabstein spiegelt mit den Worten „meiner geliebten Gattin und treuen Lebensgefährtin” die tiefe Liebe wider, die Ferdinand Krekeler für Safiye Ali empfand.

Ferdinand Krekeler arbeitete nach dem Tod seiner Frau als Augenarzt in Dortmund weiter. Am 11. November 1970 verstarb er im Alter von 75 Jahren in Dortmund. Damit endete, 18 Jahre nach Safiye Ali, diese außergewöhnliche türkisch-deutsche Geschichte von Liebe und beruflicher Partnerschaft.

Die verspätete Ehrung: Dortmunds Wiedergutmachung

Safiye Alis Präsenz in Dortmund war über viele Jahre hinweg nahezu vergessen. Doch in den 2020er Jahren initiierte die Stadtverwaltung ein umfassendes Programm zur Ehrung dieser außergewöhnlichen Frau.

Dr.-Safiye-Ali-Straße (2022-2023)

Im November 2022 beschloss die Bezirksvertretung Innenstadt-Nord der Stadt Dortmund, die Speestraße in „Dr.-Safiye-Ali-Straße” umzubenennen. Der alte Name wurde aufgrund seiner kolonialen Vergangenheit und seiner Verherrlichung während der NS-Zeit als problematisch angesehen – er bezog sich auf Admiral Maximilian von Spee.

Am 16. August 2023 wurde die Straße in einer feierlichen Zeremonie unter Teilnahme des türkischen Generalkonsuls in Essen, Taylan Özgür Aydın, und der Dortmunder Behörden offiziell eingeweiht. Bezirksbürgermeisterin Hannah Rosenbaum (Grüne) bezeichnete diese Benennung als „wichtiges Zeichen für das multikulturelle Zusammenleben”.

Der Dr. Safiye Ali Krekeler Preis

Die Stadt Dortmund stiftete den „Dr. Safiye Ali Krekeler Preis für Kindermedizin und Kindergesundheit”. Er wird alle zwei Jahre verliehen und ist mit 20.000 Euro dotiert. Für Leistungen in der Kindermedizin, Kinderchirurgie und Förderung der Kindergesundheit…

Stadtdirektor Jörg Stüdemann erklärte: „Obwohl sich in Dortmund das größte Kinderzentrum Westfalens befindet, gibt es in Deutschland nicht allzu viele Preise für Kindermedizin und Kindergesundheit. Dr. Safiye Ali Krekeler zu ehren, bot die Gelegenheit, die fehlende Würdigung vorzunehmen.”

Eine verspätete, aber gerechte Ehrung nach 71 Jahren…

Die Lebensgeschichte von Dr. Safiye Ali erklärt nicht nur die Verbindungen einer Familie mit Deutschland; sie spiegelt auch die universellen Werte von Menschlichkeit, Wissenschaft und interkulturellem Verständnis wider. Diese Geschichte, die mit den schlichten, doch berührenden Worten Ecevits begann, führte uns von den aristokratischen Familien Istanbuls zur Medizinischen Fakultät in Würzburg, von dort zur ersten Arztpraxis einer Frau in Istanbul und schließlich zu den verheerenden Bombardements des Zweiten Weltkriegs in Dortmund.

Safiye Ali lebte in drei Ländern, verband zwei Kulturen und leistete für beide Gesellschaften tiefgreifende Beiträge. Ihr Vermächtnis lebt fort – in der Türkei als erste Ärztin, in Deutschland als Medizinerin, die während des Krieges außergewöhnliche Aufopferung zeigte.

In der Türkei Gründerin der Institution Süt Damlası (Milchtropfen), aktives Mitglied der Türkischen Frauenvereinigung, erste Medizindozentin… Sie veröffentlichte zahlreiche medizinische Artikel und zwei Bücher. Sie nahm an internationalen Kongressen für Ärztinnen in London, Wien-Budapest und Bologna teil.

Im Istanbuler Stadtteil Çekmeköy trägt das „Dr. Safiye Ali Gesundheitszentrum” ihren Namen. Am 2. Februar 2021 veröffentlichte Google anlässlich ihres 127. Geburtstags ein spezielles Doodle für Safiye Ali.

Das letzte Wort

Die Geschichte von Dr. Safiye Ali Krekeler ist der Beweis für die Kraft der Wissenschaft, der Liebe und der Menschlichkeit, die alle Grenzen überschreitet.

Eine türkische Frau, ein deutscher Mann, zwei Kulturen, zwei Religionen… Doch eine Liebe, ein Beruf, eine Menschlichkeit.

Jene, die in den Tagen, als die Bomben fielen, Kinder in den Bunkern behandelte, die fünfmal ihr Haus verlor, aber fünfmal von vorn begann, die ihr eigenes Leben aufs Spiel setzte, um das Leben anderer zu retten…

71 Jahre später lebt ihr Name in den Straßen Dortmunds weiter. Doch wichtiger noch: Sie lebt in den Herzen weiter. Die erste Ärztin der Türkei, Dortmunds „türkische Bunkerärztin”…

Das ist eine Frau. Das ist ein Leben. Das ist ein Vermächtnis.

„Damit die Kinder dort nicht ohne Arzt bleiben mussten…”

Diese Worte Ecevits fassen Safiye Alis gesamtes Leben zusammen. Sie erzählen, wie groß eine Frau, eine Ärztin, ein Mensch sein kann.

Und wenn wir im Jahr 2025 ihre Geschichte erzählen, erzählen wir nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Zukunft. Denn Safiye Alis Vermächtnis leuchtet nicht nur der Geschichte, sondern auch dem Morgen.

Dr. Safiye Ali und den universellen Werten von Wissenschaft, Liebe und Menschlichkeit gewidmet, die alle Grenzen überschreiten.

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