Maryam Şahinyan, die als erste Fotografin der modernen Türkei gilt, wurde 1911 im Şahinyan-Konağı (Camlı Köşk), einem der prächtigsten Zivilbauten von Sivas, geboren. Ihr Großvater Agop Şahinyan Pascha vertrat die Stadt Sivas im 1877 gegründeten Meclis-i Mebusan. Das Leben Şahinyans, die mit den gesellschaftlichen Privilegien einer Abgeordnetenenkelin zur Welt kam, sollte sich nach der Deportation von 1915 grundlegend wandeln, deren Zeugin sie noch als Kind wurde. Die Şahinyans, eine der verwurzeltsten Familien von Sivas, ließen ihre zahllosen Immobilien in der Region zurück und suchten Zuflucht in Istanbul. Für die Familie, die in eine bescheidene Wohnung in Harbiye zog, begann unter den neuen Verhältnissen der Republik ein neuer Lebensabschnitt.
Maryam Şahinyan musste 1936 ihre Schule Sainte-Pulchérie verlassen und begann im Atelier ihres Vaters zu arbeiten, der als Fotograf tätig war. Ab 1937 übernahm sie die wirtschaftliche Last der Familie und führte das Atelier allein. Diese Situation wurde unter den konservativen Bedingungen der Zeit für viele Istanbuler Frauen zum Grund der Bevorzugung und verschaffte dem Atelier verschiedene Vorteile. Şahinyan arbeitete während ihrer ein halbes Jahrhundert währenden Berufslaufbahn in ihrem Atelier in Galatasaray (Foto Galatasaray Studio) bis 1985 ohne Unterbrechung. Sie verstarb 1996 und wurde auf dem armenischen Friedhof in Şişli beigesetzt.
Maryam Şahinyan bezeugte während ihres Berufslebens mit ihrer Kamera die Vermögenssteuer von 1942, die Ereignisse vom 6.-7. September 1955, den Zypernkrieg von 1974 und vor allem die Jahre heftigster Land-Stadt-Migration sowie die damit einhergehenden soziologischen Veränderungen. Mit ihrem hinterlassenen Archiv von 200.000 Aufnahmen bietet sie uns die visuelle Projektion einer ganzen Geschichte der Republik.
In dem von Tayfun Serttaş, dem Forscher zu Maryam Şahinyan, herausgegebenen Buch Foto Galatasaray (Aras Yayıncılık, 2016) finden sich nahezu tausend Fotografien aus dem Archiv von Foto Galatasaray, das als eines der klassischen Fotoateliers Istanbuls der jüngeren Vergangenheit bis heute erhalten geblieben ist. Unter jenen, die vor Maryam Şahinyans Balgenkamera aus dem Ersten Weltkrieg passierten, befinden sich katholische Geistliche, die innerhalb weniger Jahrzehnte von der demografischen Landkarte der Stadt verschwinden sollten, armenische Nonnen, jüdische Kinder bei ihrer Bar Mitzwa, griechische Mädchen beim Erinnerungsfoto, vor der Bolschewistischen Revolution nach Istanbul geflohene Russen, Opernsänger, Musiker, Provinzbewohner, die durch Migration Istanbul zu ihrer Heimat machten, idealisierte Kinder, Offiziere, Tauf- und Beschneidungskinder, Transsexuelle, Paare an ihrem Hochzeitstag sowie Frauen in Unterwäsche.
Das physische Archiv des Foto Galatasaray Studios, das vollständig aus Schwarz-Weiß-Negativen und Glasnegativen besteht, gehört zu den seltensten Beispielen klassischer Istanbuler Fotoateliers der jüngeren Zeit, die lückenlos bis heute erhalten geblieben sind. Das Archiv, das nach der Übergabe des Ateliers durch Maryam Şahinyan im Jahr 1985 den Besitzer wechselte, wurde in das Lager von Yetvart Tomasyan, dem Inhaber von Aras Yayıncılık, überführt. Nach 25 Jahren des Wartens wurden die nahezu 200.000 Negative des Archivs von einem Team unter Leitung des Forschers Tayfun Serttaş innerhalb von zwei Jahren durch die Phasen der Klassifizierung, Reinigung, Digitalisierung, digitalen Restaurierung und Kategorisierung geführt und unter Schutz gestellt. Die Fotografien wurden 2012 im Rahmen des Projekts „Offenes Archiv” in der Salt Galata ausgestellt, bevor Tayfun Serttaş sie in Buchform herausgab.







