Deutschlands erste türkische Notarin

Elif Burcu-Karakoç ist eine bedeutende Persönlichkeit, auf die die Türken in Deutschland stolz sind. Mit Karakoç, die wir stets in vorderster Reihe bei allen gesellschaftlichen Aktivitäten sehen, die die türkische Gemeinschaft betreffen, sprachen wir über die Bedeutung von Bildung und die Situation türkischer Familien in Deutschland.
Foto: Sebahattin Çelebi

Als Tahta Gemi Magazin stellen wir in dieser Ausgabe, die mit ihren besonderen Ansprüchen in Deutschland und ihrer bedeutenden Position in Europa einen eigenen Stellenwert besitzt, weiterhin erfolgreiche, kämpferische türkische Frauen vor, die bereits einen gewissen Status erreicht haben. In dieser Ausgabe beginnen wir mit der Rechtsanwältin und Notarin Frau Elif Burcu-Karakoç.

– Wer ist Elif Burcu-Karakoç? Lassen Sie uns dort beginnen.

Karakoç: Sehr gerne, zunächst möchte ich mich herzlich bedanken. Dass Sie mich auf diese Weise gewürdigt und geehrt haben, erfüllt mich mit Stolz. Eigentlich muss man vorausschicken: Ich bin das Kind einer Familie, die wahrhaftig der Bildung verfallen war.

1970 kam ich in İncirlik zur Welt. Mit sechs Monaten ging ich, wie es die Kinder der Gastarbeiter erlebten, zu meiner in Ankara lebenden Großmutter. Zuvor waren meine Eltern bereits nach Deutschland gekommen. Mit sechs Jahren kam ich zusammen mit meinen beiden Geschwistern – einem älteren Bruder und einer älteren Schwester – nach Frankfurt zu unseren dort lebenden Eltern. Die Grundschule begann ich hier in der ersten Klasse.

Es war ein großes Glück, Eltern zu haben, die der Bildung so zugetan waren. In jener Zeit kamen auf besonderes Betreiben meines Vaters Englisch- und Französischlehrer zu uns nach Hause. Damit unser Deutsch gefestigt wurde, hatten wir auch einen Deutschlehrer. Darüber hinaus mussten wir täglich eine halbe Stunde die Hürriyet-Zeitung lesen. Mein Vater legte großen Wert darauf. So begann meine schulische Laufbahn in Frankfurt.

Hier schloss ich das Abitur ab. Mein Universitätsstudium vollendete ich mit dem Abschluss der Rechtswissenschaften an der Goethe-Universität. Am 19. Juli 1999 – ich vergesse es nie – begann ich als freiberufliche Rechtsanwältin zu arbeiten. Zuvor war ich bei der Staatsanwaltschaft tätig gewesen, doch das entsprach nicht meinem Wesen. Ich bin es gewohnt, im Feld zu arbeiten und kämpfen zu wollen.

In dieser Zeit hatte ich mit meiner Doktorarbeit begonnen. Doch dann kam mein einziges Kind zur Welt. Berufsleben und akademische Karriere ließen sich naturgemäß nicht vereinbaren, solange mein Kind klein war. Meine Promotion blieb irgendwo auf der Strecke. Jahrelang arbeitete ich freiberuflich als Anwältin.

Nach – wenn ich mich nicht irre – 13 Jahren war ich überzeugt, dass ich noch mehr tun musste. Zu dieser Zeit bereitete ich mich auf das Notarexamen vor. Gott sei Dank bestand ich und wurde zur Notarin ernannt, und seit 2013 übe ich dieses Amt neben meiner Anwaltstätigkeit aus. Soweit ich weiß, bin ich die erste Notarin türkischer Herkunft. Nach mir wurden weitere Kolleginnen ernannt. Je mehr wir werden, desto stärker werden wir, denke ich.

– Nun möchte ich die soziologische Dimension beleuchten. Unsere türkischen Frauen kommen meist durch Heirat hierher und haben deshalb leider keine allzu großen Ambitionen. Wenn Sie als jemand, die durch den Bildungsdruck ihrer Familie stark geprägt wurde, die türkischen Frauen hier im Allgemeinen betrachten – welche Defizite sehen Sie?

Karakoç: Meiner Ansicht nach liegt es an mangelnder Unterstützung, Ermutigung oder auch Nachdruck von zu Hause. Man muss es so sehen: Kinder müssen von klein auf, ab der ersten Klasse, erfahren, dass die Eltern das Schulleben sehr ernst nehmen. Wenn man dies zwar ernst nimmt, aber dem Kind nicht vermittelt, dann besteht dort eine Lücke. Die Haltung der Kinder in der Schule, ihr Selbstvertrauen, das Wissen, dass die Eltern hinter ihnen stehen – all das ist überaus wertvoll. Hier sehe ich ein bedeutendes Defizit.

Wenn Sie Ihrem Kind sagen: „Du bist mir in jeder Hinsicht wichtig, sollte es Probleme geben, komme ich zur Schule und spreche mit den Lehrern“, wenn Elternabende ernst genommen und stets besucht werden, wenn Aktivitäten ernst genommen und regelmäßig wahrgenommen werden – dann schreitet das Kind mit einem anderen Selbstvertrauen durch seine Schulzeit. Hier besteht eine Lücke.

Wird zu Hause in der Erziehung ein Unterschied zwischen Jungen und Mädchen gemacht? Ja, bedauerlicherweise gilt dies noch immer in vielen Familien. Das macht mich sehr zornig. Sowohl bei der Bedeutung, die der Bildung beigemessen wird, als auch später im Leben beim Erbrecht – und dessen Auswirkungen auf das Berufsleben – regt mich dies zu größerem Zorn an. Die Unterscheidung zwischen Mädchen und Jungen existiert tatsächlich noch immer. Und hier bleiben unsere Mädchen natürlich etwas mehr im Hintergrund. All dies schränkt kettenartig den Erfolg des Kindes ein.

Kürzlich waren wir als Kanzlei auf einer Schulmesse vertreten. Ein junges Mädchen, das mit meiner Rechtsanwaltsreferendarin sprach, äußerte ihre Traurigkeit: „Mein Traum ist es, Anwaltssekretärin zu werden, wenn ich das doch nur schaffen könnte, wenn ich doch nur diese Unterstützung sähe.“ Dass ein junges Mädchen – wenn ich mich nicht irre, war sie 13 oder 14 Jahre alt – dies als Unmöglichkeit ansieht, obwohl wir in Deutschland sind und jede Möglichkeit zur Verfügung steht, schmerzt mich zutiefst.

– Das eigentlich Schmerzlichere ist doch: Warum möchte sie nicht Anwältin werden, sondern Anwaltssekretärin?

Karakoç: Das ist die zweite Stufe. Also auf der ersten Stufe haben wir bereits ein Problem. Warum ist das Selbstvertrauen dieses Kindes gebrochen? Warum wurde diesem Kind eine Unmöglichkeit vorgegaukelt, die es gar nicht erreichen könne? Dabei war völlig offensichtlich, dass sie es am leichtesten erreichen könnte, die Intelligenz war eindeutig vorhanden. Solche Dinge zeigen, dass offenbar etwas in der häuslichen Erziehung fehlt, obwohl wir in Deutschland sind.

Bekanntlich klafft auch in Deutschland die Schere zwischen wohlhabenden und weniger wohlhabenden Familien auseinander. Selbst wenn wir sagen würden, in Deutschland sei das kein Problem – bedauerlicherweise können Kinder aus finanziell bessergestellten Familien ihre Träume weitaus leichter verwirklichen, das ist eine bittere Wahrheit. Vielleicht muss man dies als Aufruf an die Eltern richten: Selbst wenn die finanzielle Situation der Familien nicht sehr stark ist, gibt es Möglichkeiten. Wenn Sie recherchieren, können Sie Ihren Kindern Möglichkeiten eröffnen, Ressourcen bereitstellen. Eltern müssen dem Bedeutung beimessen und sich bemühen.

Der generationenübergreifende Kampf und der Fortschritt

– Wenn wir darüber nachdenken, besonders für die zuletzt gekommene Generation: Wir sind nun hierher gekommen, um Teil der Gesellschaft zu werden. Wenn wir diesen Prozess betrachten, insbesondere die ersten Generationen – Sie können Ihre eigene Mutter und Ihren Vater einbeziehen –, können wir sagen, dass wir einen weiten Weg zurückgelegt haben, nicht wahr? Besonders aus der Perspektive der türkischen Frau.

Karakoç: Ganz gewiss, wir haben einen weiten Weg zurückgelegt. Dank ihnen sind wir hier. Sie haben einen großen Kampf geführt, Schwierigkeiten überwunden, Härten erlebt, wurden erdrückt, gebrochen, litten Kummer. Man kann es wahrhaft einen Kampf nennen. In ihrer inneren Welt führten sie einen Kampf, und wir genießen zumindest in gewissem Maße die guten Früchte der Mühen, die sie auf sich genommen haben.

Ich gehöre nun zur zweiten Generation. Die dritte Generation ist anders. Ich sage immer: Ich verwirkliche meine Träume, meine Gedanken aus dem Türkischen heraus. Unsere Kinder sind ins Deutsche übergegangen. Also hat sich noch einmal etwas verändert, ist noch einmal etwas anders geworden. Die Generation hat gewechselt. Mit dieser Veränderung nimmt die Sache zwangsläufig eine andere Färbung an. Sie gehen einen produktiveren, erfolgreicheren, selbstbewussteren Weg.

Natürlich – der Kampf und die Anstrengung, die die erste Generation geleistet hat, sind gewaltig. Sie alle sind Große, denen man wahrhaftig die Hände küssen sollte. Ohne sich über irgendetwas zu beklagen, mit unglaublicher Hingabe – nicht nur Opferbereitschaft, sie haben wirklich gekämpft. Ich bin ihnen allen dankbar, danke ihnen allen.

Lehrerdruck und Türkischverbot

– Ich möchte noch etwas fragen. Besonders für türkische Einwanderer wird immer gesagt, dass Lehrer in der Schulzeit eine Barriere errichten. Auch meine Tochter hat das erlebt. Sind Sie in Ihrem eigenen Leben mit solchem Druck konfrontiert worden?

Karakoç: Selbstverständlich. Mein Vater kam einmal im Monat zur Schule. Er unterstützte uns – mein Bruder und ich waren auf derselben Schule – gleichermaßen und kam zur Schule. Die Lehrer hatten uns anfangs ebenfalls zur Realschule geschickt. Mein Vater sagte nein. „Ich kenne die Fähigkeiten meiner Kinder.“ Ein Lehrer unterstützte uns auch. Wir gingen sogar auf ein Gymnasium, das damals so gut wie kein Türke besuchte.

Der Direktor der Firma, in der meine Mutter arbeitete, fragte meine Mutter verwundert: „Wie können deine Kinder auf diese Schule gehen, dort gehen doch nur Akademikerkinder hin.“ Wir hatten Schwierigkeiten. Doch weil mein Vater mit unglaublicher Unterstützung da war, dachten die übel gesinnten Lehrer: „Hinter diesen Kindern stehen die Eltern, wir können nicht nach Belieben vorgehen.“ Es gab auch viele Wohlmeinende, viele, die uns unterstützten.

Und ich erlebte dasselbe bei meinem eigenen Kind. In den Pausen nach Schulschluss hatten sie ein Türkischverbot verhängt. Als ich davon erfuhr, wurde ich sehr zornig. Ich ging zum Direktor. „Sie, sagte ich, haben keine rechtliche Grundlage, dies zu verbieten, worauf stützen Sie sich? Ich möchte Empathie üben. Warum haben Sie die Muttersprache meiner Tochter verboten und ihr dies als etwas Schlechtes vermittelt? Wie konnten Sie meinem Kind diese schlechte Erziehung angedeihen lassen, das möchte ich wissen.“

„Sie, sagte ich, schaffen durch dieses Verbot meinem Kind gegenüber die Andeutung, dass seine Muttersprache schlecht, mangelhaft, zweitklassig sei. Ist das die psychologische Konsequenz, die dahintersteckt? Das lasse ich nicht zu.“ Sie entschuldigten sich und hoben das Verbot auf. Also kommen wir wieder zu dem zurück, was wir gesagt haben: Solange Eltern hinter ihren Kindern stehen, können sie den Stolz, die Würde, den Schwung unserer Kinder nicht nach Belieben brechen. Das ist sehr wichtig.

Rat an die junge Generation: Fleiß und Produktivität

– Nun, welche Arbeitsmethode empfehlen Sie besonders den jungen Generationen hier für ihre Schullaufbahn?

Karakoç: Fleiß und Disziplin. Ich verstehe kein Kind, keinen Jugendlichen, keine Mutter, keinen Vater, kein Individuum, das nicht arbeitet. Wo wir doch solche Möglichkeiten haben, solange uns der Herrgott Gesundheit schenkt – ich verstehe Menschen nicht, die nicht arbeiten.

Du sollst dir Ziele setzen. Selbst wenn du dir keine Ziele setzt – produziere. Wenn du produzierst, wirst du ohnehin vorankommen. Arbeite. Wenn du arbeitest, wirst du ohnehin lernen. Bei jeder Arbeit, die du tust, gehst du mit einem Plus heraus, mit einer Erfahrung. Positiv oder negativ, das ist gleichgültig. Du kommst mit diesem Reichtum voran.

Was ich wirklich sagen kann: Alle sollen arbeiten, produzieren, sich gesellschaftlich engagieren. Es gibt hier ständig Aktivitäten. Ihr könnt sehr gut ausgestattete Dinge leisten. Und solange ihr produziert, werdet ihr stets zu Menschen, die eurer Familie, euch selbst, der Gesellschaft, der ganzen Welt nützen. Die Arbeit jedes arbeitenden Menschen ist sehr wertvoll. Sie soll ihm selbst wertvoll sein. Er soll sich Mühe geben, sich selbst achten. Produzieren ist meiner Ansicht nach etwas sehr Schönes.

Die unglaubliche Kraft in der türkischen Geschäftswelt

– Da Sie insbesondere auch Notarin sind, erbringen Sie viele Dienstleistungen für Geschäftsleute, sehen auch Unternehmensstrukturen und so weiter. Wie sehen Sie die Position türkischer Einwanderer im Geschäftsleben? Sie sind zugleich Ko-Vorsitzende von ATİYAB. Wie sehen Sie die Entwicklung unseres Potenzials in der Geschäftswelt?

Karakoç: Sehr gut. Wir haben Schwung aufgenommen. Die Geschäftswelt hier hat sich wahrhaftig gefestigt. In jedem Bereich hat sich ein so schönes Spektrum eröffnet, dass wir die Erfolge, die wir sehen, manchmal gar nicht erahnen können. Glauben Sie mir, es ist traurig, dass Erfolge, die hinter den Kulissen bleiben, der Gesellschaft, den Menschen, den Individuen hier nicht sichtbar werden. Aber es gibt eine unglaubliche Kraft.

Sie gehen irgendwohin, und der Chefarzt ist eine Dame oder ein Herr aus der Türkei. Mit unseren Professoren ist es ebenso. Es gibt einen unglaublich schönen Erfolg. Ich bin stolz darauf. Ist es genug? Nein. Natürlich werden wir immer voranschreiten, unsere Schritte tun, Fahrt aufnehmen. Und je mehr wir produzieren, je erfolgreicher wir werden, je erfolgreicher die Geschäftsleute, die Geschäftsfrauen werden, desto mehr werden andere von diesem Schwung mitgerissen. Es ergeben sich kettenartig unglaublich schöne Resultate. Ich bin sehr zuversichtlich. Wir sind gut vorangekommen, aber es gibt kein Stehenbleiben. Wir werden immer weitermachen. Und je erfolgreicher wir sind, je mehr Erfolge wir verbuchen, desto ernster wird man uns nehmen.

– Vielen herzlichen Dank.

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