Das Geheimnis des Hürremşah

Die Große Moschee von Divriği: Das erste und einzige Meisterwerk des Architekten Hürremşah

Die große Moschee von Divriği und das Hospital (Darüşşifa) im Kreis Divriği der Provinz Sivas, die durch ihre mit zeitloser Anmut und Meisterschaft bearbeiteten Steinverzierungen hervorstechen, stellen eines der außergewöhnlichsten Beispiele anatolisch-seldschukischer Kunst dar. Dieser zwischen 1228 und 1229 (H. 626) vollendete architektonische Komplex nimmt sowohl durch seine funktionale Originalität als auch durch die einzigartige Meisterschaft in der Steinbearbeitung einen herausragenden Platz in der Weltarchitekturgeschichte ein.

Das kulturelle Erbe des Mengüceklü-Beylik

Die Große Moschee von Divriği ist ein Produkt der Epoche des Mengüceklü-Beylik, das unter seldschukischer Oberhoheit in Anatolien eine bedeutende Rolle spielte. Die Mengücekli waren eine turkmenische Dynastie, die im 12. und 13. Jahrhundert über Divriği und Umgebung herrschte. Der Bau der Moschee wurde 1228 zur Zeit von Sultan Tuğrulşah begonnen und 1229 vollendet. Den Bauinschriften zufolge wurde das Gebäude im Auftrag des Mengüceklü-Emirs Ahmet Şah errichtet.

Die Mengücekli pflegten, obwohl politisch den Seldschuken unterstellt, auf ihren Territorien eine relativ autonome Verwaltung und hinterließen ein reiches kulturelles Erbe. Die Große Moschee von Divriği tritt uns als konkreter Ausdruck der glanzvollsten Periode dieses Beylik entgegen.

Hürremşah: Der Meister, der dem Stein Leben einhauchte

Der Architekt der Großen Moschee von Divriği, Hürremşah (in manchen Quellen Hürrem Şah oder Khurramshah), gilt als einer der talentiertesten Architekten der anatolisch-seldschukischen Epoche. Bedauerlicherweise verfügen wir über begrenzte Informationen zu Hürremşahs Leben und persönlicher Biographie. Wie bei den meisten Künstlern jener Zeit hat zwar die Größe seiner Werke seinen Namen unsterblich gemacht, doch sein eigenes Leben blieb auf den Seiten der Geschichte verblasst.

Hürremşahs Name wird in den Inschriften des Bauwerks ausdrücklich erwähnt. In der Inschrift am Nordportal (Taç Kapı) der Moschee wird der Name des Architekten genannt und vermerkt, dass dieses Bauwerk sein Werk ist. In jener Epoche war die Nennung von Architekten auf Bauwerken eine seltene Praxis, und dieser Umstand zeigt das Ansehen Hürremşahs und die Wertschätzung seiner Meisterschaft. Das Schicksal wollte es, dass diese Moschee sowohl sein erstes als auch sein einziges Werk werden sollte – ein architektonisches Testament, das bis heute seinesgleichen sucht.

Hürremşahs Entwurfsverständnis vereinte geometrische Perfektion mit organischer Natürlichkeit. Eines der auffälligsten Merkmale der Großen Moschee von Divriği ist der außergewöhnliche Reichtum der Steinmetzkunst. Hürremşah brachte die traditionellen geometrischen Motive der islamischen Kunst, Pflanzenverzierungen (Rumi, Palmette) und Tierfiguren in einer meisterhaften Synthese zusammen. Das Dekorationsprogramm der Portale ist wie eine steinerne Spitze bearbeitet, und jedes Motiv verschmilzt mit dem anderen zu einer organischen Ganzheit.

Architektonische Merkmale

Die Große Moschee von Divriği weist hinsichtlich ihres Grundrisses gewisse Unterschiede zur traditionellen anatolisch-seldschukischen Moschee-Architektur auf. Das Bauwerk wurde nach dem vielstützigen (hypostylen) Plantyp errichtet und besitzt einen in Ost-West-Richtung verlaufenden rechteckigen Grundriss. Im Innenraum der Moschee befinden sich insgesamt sechzehn Säulen, die durch Spitzbögen miteinander verbunden sind.

Die Licht- und Raumkonzeption wurde mit außergewöhnlichem Bedacht entworfen. Eines der originellsten Merkmale des Bauwerks ist die gemeinsame Verwendung von fünf verschiedenen Kuppelsystemen. Jede Kuppel wurde mit einer anderen Technik errichtet, und diese Vielfalt lieferte wichtige Beiträge sowohl zum architektonischen Reichtum als auch zur akustischen Leistung. Die Kuppel vor dem mittleren Mihrab ist besonders bemerkenswert und ruht auf einem achteckigen Tambour.

Mit vier verschiedenen Portalen bot das Bauwerk von allen Seiten ein großartiges Eingangserlebnis. An den Nord-, Süd-, Ost- und Westfassaden der Großen Moschee von Divriği befindet sich jeweils ein Portal. Davon gilt besonders das Nordportal (Taç Kapı) als eines der prächtigsten Beispiele steinerner Handwerkskunst in der Weltarchitekturgeschichte. In diesem Portal sind geometrische Motive, pflanzliche Verzierungen, Schriften und sogar figurative Elemente ineinander verwoben – beinahe das gesamte Bauwerk verwandelte sich in ein Bildhauerwerk. Das an die Westfassade der Großen Moschee angebaute Darüşşifa (Hospital) besitzt auch aus medizinhistorischer Sicht große Bedeutung. Stifterin des Darüşşifa ist Melike Turan Melik, die Gemahlin des Mengüceklü-Herrschers, und als Architekt des Bauwerks ist Zahid bin Hıvtud in den Aufzeichnungen vermerkt. Hinsichtlich der allgemeinen Architekturkonzeption und des Dekorationsprogramms besteht jedoch zwischen Moschee und Darüşşifa eine starke stilistische Einheit.

Im Darüşşifa wurden Musiktherapie-Anwendungen durchgeführt. Die Musiktherapie, eine wichtige Behandlungsmethode in der mittelalterlichen islamischen Welt, wurde auch im Darüşşifa von Divriği angewandt. Die Akustik des Bauwerks wurde mit Bedacht für diesen Zweck entworfen. Das zentral gelegene Wasserbecken diente sowohl der Kühlung als auch der Nutzung der therapeutischen Wirkungen des Wasserrauschens.

Auf der UNESCO-Welterbeliste

Der 1985 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommene Komplex der Großen Moschee und des Darüşşifa von Divriği gehört zu den ersten Welterbestätten der Türkei. In der UNESCO-Bewertung wurden besonders die „außergewöhnliche universelle Steinmetzkunst” und die „architektonische Innovation” des Bauwerks hervorgehoben.

Der Erhalt und die Restaurierung des Bauwerks erfordern einen sensiblen Prozess. Das über Jahrhunderte von verschiedenen Erdbeben betroffene Bauwerk wurde insbesondere im 20. Jahrhundert umfassenden Restaurierungsarbeiten unterzogen. Doch der Erhalt der von Hürremşah meisterhaft bearbeiteten Steinverzierungen erfordert aufgrund atmosphärischer Erosion und menschlicher Faktoren ständige Aufmerksamkeit.

Die künstlerische Vision, die Hürremşah mit der Großen Moschee von Divriği darlegte, repräsentiert den Höhepunkt anatolisch-seldschukischer Steinmetzkunst. Dieses Werk bewahrt seinen originalen Charakter und seine überlegene Qualität selbst im Vergleich mit anderen bedeutenden Bauwerken jener Epoche (wie der Karatay-Medrese in Konya, der Gök-Medrese in Sivas, der Doppelminarett-Medrese in Erzurum).

Hürremşahs Entwurfsansatz beeinflusste nachfolgende Architekten-Generationen tiefgreifend. In der Entwicklung der Steinverzierungskunst im Anatolien des 13. Jahrhunderts wurde die Große Moschee von Divriği zu einem wichtigen Wendepunkt, doch leider konnte eine Handwerkskunst dieses Niveaus nie wiederholt werden. Dass Hürremşah sein gesamtes Können und seine Vision in dieses eine Werk legte, verleiht der Moschee eine besondere Tragik und Größe zugleich. Seine Meisterschaft repräsentiert sowohl einen Gipfel als auch ein schwer erreichbares Ideal, das fortbesteht.

Ein versteinertes Gebet

Die Große Moschee von Divriği und ihr Architekt Hürremşah sind lebendige Zeugen dafür, welch bedeutende Rolle Kunst und Architektur im Prozess der Islamisierung und Turkisierung Anatoliens spielten. Hürremşah hat durch die Bearbeitung des Steins nicht nur einen Gebetsraum errichtet, sondern ein Werk geschaffen, das das ästhetische Verständnis, das technische Wissen und die spirituelle Tiefe einer Zivilisation in die Zukunft trägt. Achthundert Jahre später verkündet dieses steinerne Meisterwerk, das sich in Divriği erhebt, noch immer Hürremşahs Meisterschaft und Vision – in jeder Steinschnitzerei flüstert eine Geschichte, in jedem geometrischen Motiv eine Wahrheit. Dass dieses Werk zugleich sein erstes und sein letztes war, macht es zum architektonischen Testament eines Genies. Dieses Bauwerk ist ein unverzichtbarer Teil nicht nur der anatolisch-seldschukischen Kunst, sondern des gemeinsamen architektonischen Erbes der Menschheit.

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