Cihan Saygın, Stuttgart
Er floh vor dem Größenwahn des Nazi-Regimes in Deutschland – und errichtete der jungen Türkischen Republik ein Nationaldenkmal von bleibender Kraft.
Der 10. November 1944. Der sechste Todestag Atatürks.
Der deutsche Architekt Paul Bonatz beschreibt das Anıtkabir in seinen Aufzeichnungen an jenem Tag nicht bloß als eine Grabstätte, sondern als eine geschichtliche Notwendigkeit – als architektonischen Ausdruck der nationalen Identität der Türkischen Republik. Bereits zwei Jahre zuvor, 1942, hatte Bonatz dem Preisgericht des Anıtkabir-Wettbewerbs als Juryvorsitzender beigewohnt. In der Folge legte er eine umfassende fachliche Stellungnahme vor, in der er darauf drängte, das Denkmal aus einer ganzheitlichen Vision heraus zu gestalten.
Wer war der Mann, der seine Überlegungen unter dem Titel „Ein Bauwerk für die Ewigkeit“ zusammenfasste?
Ein Brückenbauer der Architektur
Paul Bonatz zählt zu den einflussreichsten Architekten des frühen 20. Jahrhunderts. 1877 im damals zum Deutschen Kaiserreich gehörenden Elsass-Lothringen geboren, studierte er Architektur in München und wurde 1908 zum Professor an der Technischen Hochschule Stuttgart berufen. Binnen kurzer Zeit avancierte er zu einem der führenden Vertreter der sogenannten „Stuttgarter Schule“, die eine Verbindung von moderner Funktionalität und traditioneller Handwerkskunst anstrebte.
Seine Bauten prägen bis heute das Erscheinungsbild zahlreicher deutscher Städte: Schulen, Bibliotheken, Brücken, öffentliche Gebäude. Sein bekanntestes Werk ist zweifellos der Stuttgarter Hauptbahnhof, den er nach dem Gewinn eines Wettbewerbs im Jahr 1911 entwarf. Bonatz selbst nannte ihn den „Nabel Schwabens“ – ein Bau aus massiven Sandsteinblöcken, mit schlichten kubischen Volumina und hohen Eingangsbögen, der vielfach als Vorläufer der frühen nationalsozialistischen Architektur gedeutet wurde.
Doch die Einflüsse auf diesen Bau reichen weit über Deutschland hinaus. Eine Reise in den Nahen Osten im Jahr 1913 hinterließ bei Bonatz tiefe Spuren. Besonders die Sultan-Hassan-Moschee in Kairo beeindruckte ihn nachhaltig. Ihre mächtigen Iwane – die dreiseitig geschlossenen, von gewaltigen Bögen überspannten Hofraumgebilde – fanden ihren Widerhall in den Eingangshallen des Stuttgarter Bahnhofs. Die vertikalen Lisenen, welche die Fassade gliedern, verweisen auf antike babylonische Bautechniken, während der wechselnde Einsatz von Stein und Ziegel an die byzantinische Mauerwerkstradition der Konstantinopler Stadtmauern erinnert. Im Stuttgarter Hauptbahnhof verschmolzen so deutsche Steinmetzkunst und die ästhetischen Bautraditionen des Orients zu einer modernen Synthese.
Die zwanziger Jahre brachten Bonatz gleichermaßen Anerkennung und Kontroversen. Sein Eintreten für eine nüchterne, beständige und maßvolle Architektur machte ihn zur Zielscheibe sowohl avantgardistischer Kreise als auch politischer Akteure.
Der Stuttgarter Hauptbahnhof stellt nicht allein in seiner architektonischen Gestalt, sondern auch als Infrastrukturprojekt ein Werk von erstaunlicher Weitsicht dar: ein aus einer einzigen Vision heraus geplanter Eisenbahnkomplex mit sechzehn Gleisen, der zu seiner Entstehungszeit im internationalen Vergleich als Pionierleistung und Ausnahmeerscheinung galt.
Der Bruch mit Hitler: „Dieser Größenwahn…“
Ende der dreißiger Jahre wurde Bonatz zu den Großprojekten des Regimes hinzugezogen. In der Zeit des Nationalsozialismus war er insbesondere an staatlichen Vorhaben wie dem Autobahnbau beteiligt – doch der Ideologie des Regimes schloss er sich zu keinem Zeitpunkt an.
Hitlers maßlose Obsession für Monumentalität und architektonische Überhöhung kritisierte er in aller Schärfe. Seine Einwände gegen die gigantomanischen Projekte Albert Speers führten dazu, dass der Druck auf ihn stetig zunahm. Als er 1941 bei einem Vortrag in Basel erklärte, Hitler habe Deutschland „um hundert Jahre zurückgeworfen“, wurde er von der Gestapo verhört.
Der endgültige Bruch kam mit dem Entwurf eines riesigen Bahnhofs für München. Mit einer Kuppelspannweite von annähernd 285 Metern war dieses Vorhaben technisch nahezu undurchführbar – ein irrationales Schaustück der Regime-Architektur. Bonatz urteilte unmissverständlich:
„Das ist ein Wahnsinn, an den kein Architekt seine Hand legen sollte.“
Diese Worte hallten in der Fachwelt nach. Die internen Konflikte und die Spannungen mit Speer verschärften sich, der Druck wurde unerträglich. Eine Einladung im Jahr 1943 bestimmte sein weiteres Schicksal: Er entschied sich, Deutschland zu verlassen. Später fasste er diesen Entschluss in einem einzigen Satz zusammen:
„Ich bin vor diesem Wahnsinn geflohen.“
Ein deutscher Architekt im Aufbau der türkischen Baukultur
Diese Flucht führte Bonatz in ein völlig neues Kapitel seines Lebens. In der Türkei begann seine zweite große Schaffensperiode. Bereits 1942 war er als Juryvorsitzender des Wettbewerbs für das Atatürk-Mausoleum nach Ankara eingeladen worden – der erste Schritt einer Verbindung, die sein weiteres Werk bestimmen sollte. Als er sich 1943 endgültig in der Türkei niederließ, war ein Arbeiten in Deutschland nicht mehr möglich. Die Türkei hingegen befand sich im Aufbau einer modernen Republik und war auf erfahrene Fachleute im Bereich der Architektur angewiesen.
In den frühen Jahren der Republik fehlte es an technischem Wissen und infrastruktureller Grundlage in den Bereichen moderner Architektur, Städtebau und Ingenieurwesen. Daher wurde 1927 im Rahmen des Gesetzes zur Förderung der Industrie eine Bestimmung erlassen, die es zur offiziellen Politik erhob, in der Türkei nicht vorhandene Fachkräfte aus Europa einzuladen.
Binnen kurzer Zeit kamen Architekten und Stadtplaner aus verschiedenen europäischen Zentren in die Türkei, vornehmlich aus Deutschland, Österreich, Frankreich und der Schweiz. Unter den rund vierzig Experten befanden sich neben Paul Bonatz Namen wie Ernst Arnold Egli, Clemens Holzmeister, Hermann Jansen, Martin Elsaesser, Henri Prost, Ernst Reuter, Margarete Schütte-Lihotzky und Martin Wagner. Diese Architekten entwarfen nicht nur Gebäude – mit ihren Beiträgen formten sie zugleich die räumliche Sprache der Republik, ihr städtebauliches Selbstverständnis und die architektonische Repräsentation des öffentlichen Raums.
Nach dem Anıtkabir-Wettbewerb beschloss Bonatz, in der Türkei zu bleiben, und ließ sich 1943 in Ankara nieder. Eine Rückkehr nach Deutschland war nun sowohl gefährlich als auch, wie er selbst formulierte, sinnlos: „Dort gab es keine Architektur mehr zu machen.“
Bonatz beriet das türkische Bildungsministerium. Ab 1946 lehrte er als Professor an der Technischen Universität Istanbul und wurde rasch zu einem der einflussreichsten Architekten der jungen Republik. Er gehörte zu jenen Persönlichkeiten, die eine ganze Generation türkischer Architekten ausbildeten. Er entwarf Schulen, öffentliche Gebäude und Wohnanlagen. Besondere Bedeutung kommt der Staatsoper Ankara zu (1947–1948), die er aus einem ehemaligen Ausstellungsgebäude umgestaltete. Bauten wie die Saraçoğlu-Siedlung, die Technische Lehrerinnenbildungsanstalt und die Technische Lehrerbildungsanstalt spiegeln seine nüchterne, maßvolle und funktionale Architekturauffassung wider.
Bonatz wirkte nicht nur im Hochbau, sondern auch als Berater im Bereich Ingenieurwesen und Infrastruktur. Er begutachtete die großen Bogenbrückenprojekte über dem Euphrat. Sein Vorentwurf für die Bosporus-Brücke aus den Jahren 1951 bis 1952 weist bemerkenswerte Parallelen zu der rund zwanzig Jahre später errichteten Brücke auf.
Bonatz brachte der Türkei nicht allein Bauten, sondern eine architektonische Kultur: Proportion, Maß, Handwerkskunst, konstruktive Klarheit. Dieser Ansatz war maßgeblich dafür, dass die junge Türkische Republik eine moderne, zugleich aber mit der lokalen Bautradition im Einklang stehende architektonische Identität fand.
Als sich die architektonische Orientierung in den fünfziger Jahren zunehmend dem amerikanischen Einfluss zuwandte, geriet Bonatz’ traditionsgebundener Ansatz ins Abseits. Dieser Wandel war mitentscheidend für seinen endgültigen Entschluss, 1954 nach Deutschland zurückzukehren.
Die deutsche Handschrift im architektonischen Gedächtnis des Anıtkabir
Bonatz betrachtete das Anıtkabir im Vergleich mit den großen Denkmalbauten der Weltgeschichte. Seiner Auffassung nach musste das Denkmal für Atatürk seinen Platz innerhalb der universellen Denkmaltradition finden.
Der Arc de Triomphe in Paris war geplant worden, um die Siege Napoleons zu verewigen, und wurde selbst unter der feindlich gesinnten Dynastie der Bourbonen im selben Geist vollendet. Für Bonatz war dieses Bauwerk eines, das „von heroischer Kraft und der Gelassenheit klassischer Reife durchdrungen“ ist.
Die vom bayerischen König Ludwig I. an der Donau errichteten Bauten – die Befreiungshalle und die Walhalla – bezeichnete Bonatz als „gereifte und schöne Denkmäler ihrer Epoche“. Das Lincoln Memorial in Washington wiederum sei, obgleich ein spätes Werk, „einer der stärksten Ausdrücke klassischer Gesinnung“.
Bonatz betonte dabei ausdrücklich:
„In der Epoche des Klassizismus war der Stil kein Problem, denn die klassische Architektur war eine gemeinsame Sprache, die den Künstlern Orientierung gab.“
Dieser Gedanke bildete das Fundament jener ruhigen, zugleich aber kraftvollen Formensprache, die Bonatz für das Anıtkabir anstrebte. In seinen Augen sollte das Mausoleum nicht lediglich ein architektonisches Bauwerk sein, sondern ein Ort nationaler Erinnerung – im Einklang mit dem Geist Atatürks, Ausdruck der Dankbarkeit des türkischen Volkes, würdevoll und von erhabener Gelassenheit.
In denselben Aufzeichnungen findet sich allerdings auch eine eindringliche Mahnung:
„Es ist bedauerlich, dass man diese große Aufgabe vernachlässigt und zu einem ›Problem‹ hat werden lassen. Ein großes Bauwerk auf der Grundlage eines Wettbewerbsergebnisses zu errichten, birgt die Gefahr, auf einen falschen Weg zu geraten.“
Entscheidende Änderungen am Anıtkabir
Nach eingehender Prüfung wurde der Entwurf von Emin Onat und Orhan Arda mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Bonatz blieb nicht allein Juryvorsitzender; im weiteren Verlauf des Projekts wurde er auf Wunsch des türkischen Staates als Berater in den Prozess eingebunden.
Für Bonatz lag die eigentliche Frage nicht in den Ergebnissen des Wettbewerbs, sondern darin, das ausgewählte Projekt mit der gebotenen Ernsthaftigkeit und ohne Verzögerung umzusetzen. Andernfalls bestünde die Gefahr, einen „schlechten oder falschen Weg“ einzuschlagen.
Der Entwurf von Onat und Arda durchlief nach dem Wettbewerb verschiedene Überarbeitungen. In diesem Prozess erwiesen sich Bonatz’ technische und ästhetische Empfehlungen als bestimmend: Die massiven Proportionen wurden ausgewogen, die schweren Verzierungen an den Fassaden vereinfacht, die Gestaltung des Zeremonienwegs und des Vorplatzes im Sinne räumlicher Ganzheitlichkeit neu gefasst.
Um zu vermeiden, dass das Anıtkabir einer sultanischen Grabstätte ähnelt, wurde mit Travertinstein aus Çankırı an den monumentalen Treppenanlagen eine dauerhaftere und würdevollere architektonische Sprache gewählt.
Als Bonatz formulierte: „Die Silhouette des Anıtkabir ist einzigartig; in ihrer Gesamtgestalt wird sie zum Symbol. Man wird sagen: ›Wer sie einmal gesehen hat, vergisst sie nie‹“, dürfte er mit großer Genugtuung festgestellt haben, dass der neoklassizistische Ansatz, den er sich für die Moderne vorgestellt hatte, seine Entsprechung gefunden hatte.
Diese Veränderungen legten den Grundstein für jene maßvolle Monumentalität, die das Anıtkabir heute auszeichnet.







