War Beethoven vom Islam beeinflusst?

Die Islam-Wahrnehmung im damaligen Österreich pendelt zwischen politischen Kalkulationen und kultureller Neugier. Während die traumatische Erinnerung an die Wiener Belagerung von 1683 noch nachwirkte bestens zugleich, existiert gleichzeitig Bewunderung für die Pracht des osmanischen Hofes. Diese widersprüchlichen Gefühle fanden in Beethovens Werk eine musikalische Synthese.
Ludwig van Beethoven (1770-1827) in portrait by Carl Jaeger.

Hürrem Erman, Frankfurt

Hürrem Erman, Frankfurt

In den verborgenen Winkeln der Musikgeschichte finden sich Werke, deren Entdeckung dem Fund eines „Schatzes aus einer verlorenen Zivilisation“ gleicht. Ludwig van Beethovens 1811 komponierte Bühnenmusik Die Ruinen von Athen, Op. 113, ist ein solches vergessenes „Juwel“. In den Tiefen dieser Schauspielmusik verbirgt sich ein seltenes Stück, das in Wien, im Herzen Europas, mit deutschen Worten den Propheten Mohammed preist und die Kaaba erwähnt. Dieser Aufsatz öffnet die Türen zu diesem „verborgenen Schatz“ und folgt den Spuren islamischer Spiritualität, die in der universellen Sprache der Musik ihren Widerhall findet.

Doch spulen wir die Geschichte zunächst ein wenig zurück.

Das Europa von 1811: Zwischen Napoleon und Identitätssuche

Das Europa des Jahres 1811 ist ein Kontinent, der im Schatten Napoleons zittert. In Wien, der Hauptstadt des Habsburgerreiches, ringt ein zwischen Niederlagen und Siegen schwankendes Imperium um eine Neudefinition seiner Identität. In dieser komplexen Zeit wird ein für das neue Deutsche Theater in Pest (heute Teil von Budapest) bestelltes Werk auf unerwartete Weise zu einem „Tor in die spirituellen Tiefen des Orients.“

Das von Kaiser Franz I. im Rahmen seines Projekts zur Stärkung der habsburgischen Interessen in Ungarn erbaute Theater ist nicht nur ein architektonisches Bauwerk, sondern zugleich ein politisches Manifest. Das von August von Kotzebue verfasste Schauspiel ist ein „Meisterwerk kunstvoll verwobener Propaganda.“ Beethovens Musik reicht jedoch weit über diese politischen Kalkulationen hinaus und erschließt eine tiefere, spirituelle Dimension.

August von Kotzebue, einer der produktivsten Autoren seiner Zeit, war eine komplexe Persönlichkeit, die im russischen diplomatischen Dienst gestanden und eine Verbannung nach Sibirien erlebt hatte. In seinem Schauspiel webt er eine vielschichtige Erzählung: Das „Erwachen der Göttin Minerva (Athene) aus tausendjährigem Schlaf“ ist nicht nur eine literarische Metapher, sondern zugleich der symbolische Ausdruck von Europas Konfrontation mit seiner eigenen Vergangenheit.

Der politische Subtext des Stücks ist offensichtlich: Das „osmanisch besetzte Athen“ repräsentiert indirekt das „unter französischer Hegemonie stehende Europa.“ Doch diese simple politische Allegorie gewinnt durch Beethovens Musik eine unerwartete Tiefe. Der Komponist betrachtet Kotzebues Worte nicht nur als politisches Instrument; er entdeckt in ihnen das „Material für den Bau einer interkulturellen Brücke.“

Und der Chor der Derwische!

Die Worte des Chors der Derwische nehmen eine einzigartige Position in der deutschen Literaturgeschichte ein:

„Du hast in deines Ärmels Falten

Den Mond getragen, ihn gespalten.

Kaaba! Mahomet!

Du hast den strahlenden Borak bestiegen

Zum siebenten Himmel aufzufliegen,

Großer Prophet! Kaaba!“

Die in diesen Versen anklingende „spirituelle Kosmologie“ weicht radikal vom vorherrschenden religiösen Verständnis des damaligen Europas ab. Die mystische Reise auf dem Rücken des leuchtenden Burak ist nicht nur eine exotische Erzählung, sondern zugleich die symbolische Darstellung einer „universellen spirituellen Suche.“ Beethovens Musik erfasst die mystische Tiefe dieser Worte und verwandelt sie in eine erhabene musikalische Erfahrung.

Die dunklen Farben der Tonart e-Moll werden mit melodischen Strukturen verwoben, die an die zyklischen Bewegungen des Sema-Rituals der Derwische erinnern. Das Tempo Allegro ma non troppo ist weder zu schnell noch zu langsam; es ist genau das richtige Maß für einen „mystischen Tanz“ – der Ausdruck einer „kontrollierten Ekstase.“

Die kulturelle Revolution von Tausendundeine Nacht

Antoine Gallands zwischen 1704 und 1717 veröffentlichte Übersetzung Les Mille et Une Nuits revolutionierte Europas Wahrnehmung des Orients. Sie war nicht nur ein literarisches Werk, sondern der „Katalysator einer kulturellen Transformation.“ Wie Jorge Luis Borges treffend bemerkte, wurden die „Samen der Romantik auf diesen Seiten gesät.“

Gallands Jahre in Istanbul (1670–1675) brachten ihm nicht nur Sprachkenntnisse, sondern auch die Gelegenheit, die spirituelle Atmosphäre des Orients unmittelbar zu erleben. Diese Erfahrung verlieh seiner Übersetzung weniger akademische Präzision als vielmehr die „Tiefe einer gelebten Realität.“ Beethovens Werk von 1811 ist eines der seltenen Beispiele, die dieses kulturelle Erbe in eine musikalische Form überführen.

Die vielschichtige Natur des Orientalismus

Edward Saids Konzept des Orientalismus bietet einen kraftvollen theoretischen Rahmen zur Analyse der westlichen Wahrnehmung des Orients. Beethovens Werk jedoch präsentiert eine komplexe Situation, die die starren Grenzen dieser Theorie herausfordert. Die Anrede an den Propheten Mohammed als „Großer Prophet“ im Chor der Derwische ist weit entfernt vom typisch herablassenden Ton des damaligen orientalistischen Diskurses.

Dieses Paradox zeigt, wie komplex die kulturellen Dynamiken des frühen 19. Jahrhunderts waren. Beethovens Ansatz ist weder reine Exotisierung noch naive Bewunderung; vielmehr ist es der Versuch, „universelle spirituelle Werte zu erkennen und zu ehren.“

Die Islam-Wahrnehmung im damaligen Österreich pendelte zwischen politischen Ängsten und kultureller Neugier. Während die traumatische Erinnerung an die Wiener Belagerung von 1683 noch präsent war, existierte gleichzeitig eine „Bewunderung für die Pracht des osmanischen Hofes.“ Diese widersprüchlichen Gefühle finden in Beethovens Werk eine musikalische Synthese.

Wolfgang Amadeus Mozarts Oper Die Entführung aus dem Serail (1782) war eines der Pionierwerke, das türkische Charaktere von negativen Stereotypen befreite. Die edle Persönlichkeit des Bassa Selim verkörpert eine Haltung, die den verbreiteten Vorurteilen der Zeit trotzt. Beethovens Chor der Derwische knüpft an diese Tradition an.

Die musikalische Struktur des Chors der Derwische zeigt einen weitaus differenzierteren Ansatz als die damals gängige alla turca-Mode. Anstatt in die „Fallen oberflächlicher Exotik“ zu tappen, konzentriert sich Beethoven darauf, das „musikalische Äquivalent einer mystischen Erfahrung“ zu erschaffen.

Die düsteren Farben der e-Moll-Tonalität spiegeln die „innere Welt der spirituellen Reise“ der Derwische wider. Die im Orchestersatz verwendeten Schlaginstrumente wiederholen keine Klischees, sondern betonen die „kosmische Dimension des Rituals.“ Die polyphonen Schichten in der Chorkomposition symbolisieren die „Vereinigung der individuellen Stimme mit dem universellen Atem.“ Die rhythmische Organisation enthält Muster, die an die kreisenden Bewegungen des Sema-Rituals erinnern, doch dies ist weniger eine folkloristische Nachahmung als vielmehr der „musikalische Ausdruck eines zyklischen Zeitverständnisses.“

Aufführungsgeschichte und kultureller Wandel

Die Aufführungsgeschichte der Ruinen von Athen spiegelt die politischen und kulturellen Veränderungen der Zeit wider. Nach der Uraufführung in Pest 1812 wurde das Werk 1822 in Wien erneut aufgeführt, was Beethoven die Gelegenheit gab, eine neue Ouvertüre zu komponieren (Op. 124, Die Weihe des Hauses).

In der politischen Atmosphäre des 20. Jahrhunderts führte der islamische Inhalt des Chors der Derwische jedoch dazu, dass das Werk „zunehmend in Vergessenheit geriet.“ Diese Ironie der Rezeptionsgeschichte offenbart die „Zerbrechlichkeit der Kunst gegenüber politischen Strömungen.“ Dass der „Türkische Marsch“ aus demselben Werk weltberühmt wurde, während der Chor im Schatten blieb, ist ein „bezeichnendes Beispiel für die Selektivität des kulturellen Gedächtnisses.“

Renaissance im 21. Jahrhundert

In der multikulturellen Welt des 21. Jahrhunderts gewinnt Beethovens Werk neue Bedeutung. In einer Zeit, in der der „interkulturelle Dialog“ immer wichtiger wird, stellt der Respekt eines großen westlichen Komponisten vor islamischen Werten ein bemerkenswertes historisches Beispiel dar.

Die Wiederbelebung des Werks bietet wertvolle „Anknüpfungspunkte für die Musikwissenschaft und die Kulturstudien.“ Besonders die Bekanntmachung dieses Werks in der islamischen Welt könnte eine weitere Dimension von Beethovens „universellem Musikverständnis“ erschließen.

Philologische Schätze und kosmologischer Raum

Jedes Wort im Text des Chors der Derwische zeugt von „interkultureller Übertragung.“ Der Ausdruck „in deines Ärmels Falten“ ist ein gelungenes Beispiel für die Übersetzung von Wundererzählungen aus der islamischen Tradition in die deutsche Dichtersprache. Der Begriff „strahlender Borak“ betont die mystische Reisedimension jenseits der physischen Realität. Diese Details offenbaren Kotzebues Vertrautheit mit islamischen Quellen, die weit über eine oberflächliche Fantasie hinausgeht.

Das Konzept des „siebenten Himmels“ ist eine seltene Erscheinung islamischer Kosmologie in der europäischen Musik. Beethovens Musik scheint den Anspruch zu erheben, diese kosmologische Vision durch Klang zu konkretisieren, indem sie die „Erhebung von der Erde zu den Himmeln durch harmonische Progressionen und wechselnde Orchesterfarben“ symbolisch darstellt.

Ein vergessener Brückenbauer

Beethovens Chor der Derwische ist wie eine „seltene Blüte, die in der kulturellen Komplexität des frühen 19. Jahrhunderts aufging.“ Dieses Werk ist ein „musikalisches Manifest interkultureller Achtung“, das sich den „einfachen Kategorien des Orientalismus entzieht.“

In der polarisierten Welt von heute bietet dieses vergessene Meisterwerk ein „historisches Zeugnis für die vereinende Kraft der Kunst.“ Es weist auf die „Existenz eines gemeinsamen spirituellen Erbes der Menschheit“ hin, das religiöse und kulturelle Grenzen überschreitet.

Die Wiederentdeckung dieses Werks ist nicht nur ein Beitrag zur Musikgeschichte, sondern liefert auch eine „wichtige historische Perspektive für den dringend benötigten interkulturellen Dialog unserer Zeit.“ Dieses musikalische Meisterwerk, das den Propheten Mohammed als „Großen Propheten“ ehrt, ist eines der eindrucksvollsten Beispiele für islamische Spiritualität, die in der universellen Sprache der Kunst ihren Widerhall findet.

Quellen:

Kotzebue, August von. Die Ruinen von Athen: Ein Festspiel. 1811.

Said, Edward W. Orientalism. Vintage Books, 1978.

Galland, Antoine. Les Mille et Une Nuits. 1704–1717.

Borges, Jorge Luis. Other Inquisitions 1937–1952. University of Texas Press, 1964.

Kerman, Joseph. Write All These Down: Essays on Music. University of California Press, 1994.

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